Unser Köln
Die Realschule Holweide – eine Schule mit falschem Namen
Stefan Weigang · 22.04.2026
Danzigerstr. 146a,Foto D. Heiermann, BAL 16167-1,2,3
Es ist schon kurios: In alten Aufzeichnungen, wie dem „Heimatbuch Holweide“ findet sich kein Hinweis auf die Realschule Holweide. Vielleicht liegt es daran, dass die Schule so hieß, aber nie in Holweide war?
Schulnotstand und Reformjahre der 1960er
Es war in Köln in der Mitte der 1960er Jahre, die Zeit des Beat und der Prilblumen, und die zahlreichen „Babyboomer“ wurden eingeschult. Es gab gravierende strukturelle Probleme im Bildungssystem. Schulpolitik wurde in der Öffentlichkeit heiß diskutiert. Schließlich wurde den Bundesländern freigestellt, Schulversuche zu organisieren, die im Rahmen der Ländervereinbarungen lagen. Bildung wurde somit Ländersache. Der Ausbau der 8-jährigen Volksschule, die ohne Fremdsprachenangebot gewesen war, auf das 9. und 10.Schuljahr lief auf Hochtouren. Hauptschullehrer wurden in zwei Fächern ausgebildet, um sie in den unterschiedlichen Schulformen einzusetzen.
Um den „Schülerberg“ etwas abzumildern, wurde in Nordrhein-Westfalen ein Jahrgang durch das Kurzschuljahr 1965/66 eingespart, aber das half nichts. Die Klassen blieben mit um die 40 Kinder groß. Neben Lehrerkräften mussten neue Schulgebäude her. So auch in Holweide, eine Gesamtschule, für den Kölner Stadtrat eine kostengünstige Variante, sollte entstehen.
Realschule und Gymnasium Holweide
Doch das Schulgebäude an der Burgwiesenstraße wurde erst 1975 fertig, die Schüler musste aber sofort versorgt werden. So wurden 1967 eine „Realschule Holweide“ und ein „Gymnasium Holweide“ gegründet. Beide waren in Baracken in der Eitorfer Straße in Deutz auf dem Parkplatz einer Berufsschule untergebracht. 1969 landete das Gymnasium in Holweide an der Neufelder Straße, die Realschule jedoch zog in die Mülheimer Danziger Straße in eine alte Schule.

Baracken in Deutz. Foto: © Stefan Weigang
Das war immerhin ein festes Gebäude und passte zumindest historisch zur Realschule Holweide. Denn dort war 1902 eine Pestalozzischule errichtet worden, der Pädagoge und Historiker Johann Bendel (1863 – 1947) war der erste Leiter und etablierte moderne Methoden.
Moderne Lehrmethoden
In beiden Schulen kamen junge, engagierte Lehrerkräfte zusammen. Sie praktizierten Methoden und Vorstellungen, wie sie später in den Gesamtschulen Alltag wurden. In der Realschule wurde „Sesamystreet“ (die Sesamstraße) auf Englisch im Unterricht geschaut. Es gab ein modernes Sprachlabor, einen modernen Biologie-Unterricht und eine Informatik-Arbeitsgruppe mit dem, was man damals Computer nannte. Schülern mit Legasthenie, einer Lese-Rechtschreibschwäche, wurde besondere Aufmerksamkeit gewidmet.
Einer Schülerin aus ärmeren Verhältnissen wurde ein Aufenthalt in den USA ermöglicht. Schüler durften mitbestimmen. Ein Raucherbereich wurde eingerichtet und ein Schülerfest mit einer Rockband organisiert. Das Misstrauensvotum gegen Willy Brandt wurde live im Fernsehen verfolgt. Ein Lehrer, der gelegentlich Schüler ohrfeigte, musste die Schule verlassen.
Integrierte Gesamtschule (IGS)
Der Neubau der „Integrierten Gesamtschule“ Holweide, kurz IGS, wurde durch Besuche des Realschulkollegiums auf der Baustelle aufmerksam verfolgt. Auch die Eltern zeigten großes Interesse an der neuen Schulform. Der Umzug erfolgte im Herbst 1975, der erste fünfte Jahrgang in ganz Köln wurde in einer Gesamtschule eingeschult. Das Gymnasium Holweide zog mit den Klassen 6 bis 13 in das Gebäude ein. Damit endete die Diaspora der Realschule Holweide, der Mülheimer Standort wurde zur Stadtteilschule und heißt seit 1990 Johann Bendel Realschule. Von den provisorischen Baracken in Deutz ist keine Spur mehr zu finden, sie wurden 2017 abgerissen.
Ein Text von Stefan Weigang, Historiker mit kölschen Wurzeln
Quellen:
- Johann Bendel, Heimatbuch des Landkreises Mülheim am Rhein,
Geschichte und Beschreibung, Sagen und Erzählungen. Köln-Mülheim 1925 - Ludwig Dünnwald und Bürgervereinigung Köln-Holweide (Hrsg.), Heimatbuch Holweide.
- 75 Jahre Köln - Holweide.
- Unsere Heimatgemeinde nach Auflösung der Bürgermeisterei
Merheim, Köln, Selbstverlag 1989 - Stefan Weigang, Karl Port, Lernen in provisorischen Baracken, Die Anfänge der Realschule
- Köln-Holweide vor 50 Jahren, Köln 2017
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Tags: 1960er , Bildung , Bildungsgeschichte , Geschichte , Holweide , Köln , Schule , Schulwesen , Stadtgeschichte , Stadtteile , Veedel
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