Raus aus Köln

Narben einer Stadt

Lydia Schneider-Benjamin · 04.11.2019

Foto: fotolia / philipk76

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Vor dreißig Jahren, am 9. November 1989, fiel die Berliner Mauer. Anlass genug, Sie mit auf einen kleinen Spaziergang zu nehmen.

2019: Ein Stück geht es durch den Tiergarten, dann schwenke ich auf die Straße des 17. Juni ab, in der Ferne das Brandenburger Tor.
Hier in Berlin zu sein, hat für mich eine besondere Bedeutung. Wie so viele Familien wurde auch meine durch die Mauer, stellvertretend für die geschlossene Grenze der DDR, getrennt. Meine Mutter und meine Oma machten 1957 rüber aus der Ostzone. Als die Grenze am 13. August 1961 geschlossen wurde, blieb meine Tante mit ihrer Familie vor den Toren Berlins in Treuenbrietzen zurück.

Ich erreiche das Brandenburger Tor, ein anderes, erfreulicheres Bild als damals, bei meinem letzten Besuch 1973 als Zehnjährige, bei der Tante. In der Straße Unter den Linden, weit vor dem Tor, gab es einen großen Sperrbezirk. An die Beklemmung und die „Vopos“ genannten Volkspolizisten kann ich mich gut erinnern.

Ehrfürchtig durchschreite ich das Tor, ein besonderer Moment für mich. Hier wird fühlbar, was Freiheit bedeutet, was Trennung von Völkern durch Dogmen bewirken kann. Und was nun wieder – immer noch – zusammenwächst. Die Suche nach weiteren Spuren führt mich zum Reichstagsgebäude. An seiner Ostseite gibt es einen Gedenkort, die „weißen Kreuze“: dreizehn Namen und Daten von Menschen, die ihren Fluchtversuch in den Westen nicht überlebt haben. Sie stehen stellvertretend für die bis zu 245 Getöteten – bis heute kennt man die genaue Zahl nicht.

Ich gehe auf dem gut ausgeschilderten Mauerweg Richtung Potsdamer Platz, vorbei am Holocaust-Mahnmal für die ermordeten Juden Europas. Nach wenigen Metern steht in einer Seitenstraße des Platzes, der Erna-Berger-Straße, etwas versteckt durch die hohen Neubauten, ein Grenzwachturm, den man auch ersteigen kann. Zurück auf der Stresemannstraße orientiere ich mich an den Schildern, um zu dem gut 200 Meter langen Mauerstück an der Niederkirchner Straße zu kommen. Aus nächster Nähe kann ich die ehemalige Wucht dieses massiven Grenzwalls begreifen. Heute ist der Beton durchlöchert, es waren 1989 viele „Spechte“ am Werk gewesen, die mit Hammer und Meißel der Mauer über weite Strecken ein Ende bereiteten.

Am berühmten Checkpoint Charlie an der Friedrichstraße ist nicht mehr viel von einst zu sehen, aber die Checkpoint Gallery erzählt mir mit Fotos dessen Geschichte. Hier schwenke ich vom Mauerweg ab. Ich möchte noch einen Ort besuchen, an dem ich 1973 ein besonderes Erlebnis hatte: den „Fernmeldeturm 32“, wie er spröde im DDR-Jargon hieß, auf dem Alexanderplatz.

Als Kind war ich überrascht, einen Zug der Bundesbahn auf den am „Alex“ vorbeiführenden Gleishochbauten zu entdecken. Ich hatte schon die Trennung begriffen und dachte, hier im Osten würden sie nicht fahren. Daher machte ich mit einem Fingerzeig meine Mutter darauf aufmerksam. Damals hasteten nur einige Leute über den leeren Platz. Ein Passant hielt an, unwissend, dass ich West-Besuch war. Er legte mir sanft die Hand auf die Schulter und meinte bedauernd: „Das wird noch lange dauern, bis du damit fahren kannst.“ Recht hatte er. Für ihn und die anderen Bewohner der DDR dauerte es noch 18 Jahre.

Informationen

Der Berliner Mauerweg

Die insgesamt 160 Kilometer sind zu Fuß oder per Rad zu bewältigen. Der gut beschilderte und größtenteils barrierefreie Weg kann auf 14 Einzelstrecken von 7 bis 14 Kilometer Länge erkundet werden. Prospekte mit den Routen gibt es bei:

Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz

Am Köllnischen Park 3
10179 Berlin
Tel. 030 / 90 25-0

Webseite zum Mauerweg

Tags: Berliner Mauer , Mauerfall

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