Raus aus Köln

Geschichte mit allen Sinnen erleben

Susanne Neumann-KölnerLeben Ausgabe 4/2016 · 04.12.2017

Laura als Schöpferin und Gautscherin

Überhaupt wird das „Mitmachen“ in den Museen des LVR groß geschrieben. Neben dem Besuch von Dauer- und Wechselausstellungen bieten alle Museen Programme für Bildung und Freizeit, bei denen der Besucher aktiv werden und die Ausstellungen mit allen Sinnen erfahren kann.

Mit ihren Großeltern hat sich die neunjährige Laura zur „Papiermühle Alte Dombach“, einem Industriemuseum in Bergisch Gladbach, aufgemacht. Konzentriert taucht das Mädchen an der Bütte einen Schöpfrahmen in die milchige Brühe, um die Zellstofffasern des Eukalyptusholzes darin für ein Din-A4-großes Blatt Büttenpapier abzuschöpfen. Angeleitet von Museumsvorführer Dietmar Stäbler übernimmt sie in der Rolle des „Gautschers“ auch den nächsten Arbeitsschritt an der Bütte: Sie kippt die Form um, und drückt das nasse Faservlies, das sich beim Schöpfen auf dem Sieb im Rahmen abgesetzt hat, auf einem Fensterleder ab. Früher nahm man dafür Filztücher. Die Tücher mit den nassen Papierfaserblättern werden übereinandergestapelt und gepresst, bevor die Blätter zum Trocknen im Trockenspeicher aufgehängt werden. Bis zu zehn Tage kann der gesamte Fertigungsprozess so eines Blatt Papiers dauern.

LVR Museum Alte Dombach
Foto: LVR

So lange kann Laura natürlich nicht auf ihr eigenes Blatt handgeschöpftes Papier warten und bekommt stattdessen eins geschenkt, das schon fertig ist. Im Raum nebenan zeigt Vorführer Klaus Klein ihr an einer übersichtlichen Laborpapier-Maschine, wie die maschinelle Produktion von Papier seit der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert funktioniert. Jeder Arbeitsschritt vom Sieben des vorbereiteten Papierbreis über das Pressen des nassen Vlieses bis zum Trocknen wird am laufenden Band von der Maschine übernommen. In Originalgröße steht so eine Maschine, PM4 genannt, zur Ansicht ebenfalls auf dem Museumsgelände: In der separaten Maschinenhalle der benachbarten Dombacher Papierfabrik, die zum breite Museum gehört. Die 40 Meter lange und fünf Meter Maschine zur Papierherstellung stammt aus dem Jahr 1889 und produzierte mehr als 100 Jahre lang täglich bis zu elf Tonnen Papier.

Die idyllisch im Wald gelegene, fast 400 Jahre alte Papiermühle Alte Dombach beherbergt eine umfangreiche Ausstellung zur Geschichte der Papierproduktion und was man mit Papier alles machen kann. Selbst dem Toilettenpapier ist eine eigene Station gewidmet: Dort nehmen die Besucher auf zugeklappten Toiletten Platz, um sich ein amüsantes Video über die Geschichte des Klopapiers anzuschauen.

Kunst aktiv erleben

Ein weiteres Highlight ist ein Museum in Brühl. Das Max Ernst Museum widmet sich dem Leben und Schaffen des 1891 in Brühl geborenen Dadaisten und Surrealisten. Die klassizistische Dreiflügelanlage, die um einen Glaspavillon und ein „schwebendes“ Eingangsplateau erweitert wurde, beherbergt nahezu das gesamte grafische Werk von Max Ernst. Seine 36 „D-paintings“ waren Geburtstags- und Liebesgeschenke an seine Frau Dorothea Tanning, die ebenfalls als bildende Künstlerin tätig war. Auch über 70 seiner Plastiken sind zu bewundern. Der vielseitige Maler, Bildhauer, Grafiker und Dichter arbeitete mit verschiedenen Materialien und Techniken. Auf seinen Spuren kann der Besucher in Workshops beim Anfertigen von Collagen, Frottagen und Grattagen wandeln. Bei der Frottage wird ein Blatt Papier auf einen strukturierten Untergrund gelegt und die Struktur dann auf das Papier übertragen, indem man einen Bleistift oder Kreide über das Papier reibt. Bei einer Grattage werden mehrere Farbschichten übereinander aufgetragen und anschließend die unteren Farbschichten frei gekratzt.

Einen wichtigen zeitgeschichtlichen Blick erlauben das LVR-Kulturhaus Landsynagoge Rödingen im Kreis Düren und die Gedenkstätte Brauweiler. In Rödingen wird jüdische Geschichte und Kultur im Rheinland erlebbar, auf dem Gelände der ehemaligen Abtei Brauweiler sind die Geschehnisse in der ehemaligen Arbeitsanstalt während des Nationalsozialismus dokumentiert.

„In Zeiten digitaler Wirklichkeiten ist das genaue Entdecken eines Kunstwerks im Original geradezu unersetzlich“, heißt es auf den Internetseiten des Max Ernst Museums. „Erst durch das praktische Arbeiten werden kreative Schaffensprozesse und die Techniken, mit denen ein Kunstwerk entsteht, unmittelbar erfahrbar.“ Diesem Anspruch werden die Museen des LVR in jeder Hinsicht gerecht. Für einen Sommerausflug sind sie damit auch für jene interessant, denen das klassische Museum einfach zu wenig „Action“ bietet

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