Raus aus Köln

Ausgeflippt!

Peter Beyer · 09.01.2020

Foto: © Ruth Bourgeois

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In Neuwied am Rhein geben sich Tausende die Kugel: Im Deutschen Flippermuseum „Extraball“ können über 150 Geräte bestaunt und bespielt werden.

„Papa, ich hab noch zwei Leben!“, verkündet der Dreikäsehoch stolz. Offenbar hat die Generation Videospiel bei ihrer ersten Begegnung mit einem Flipper noch nicht begriffen, dass es hier um polierte Stahlkugeln geht, nicht um virtuelle Überlebenskämpfe. Ein Blick auf die anderen Besucher im Flippermuseum in Neuwied verrät, dass die meisten noch mit Flipperfingern, Extrabällen und Freispielen groß geworden sein müssen. „Beim Flippern haben die Väter noch eine Chance, gegen ihre Kinder zu gewinnen“, erklärt Museumsgründer Axel Hillenbrand, während er das Familienduell vor dem Modell „Pistol Poker“ verfolgt. „An der Playstation sieht das schon anders aus“, fügt der Familienvater mit wissendem Lächeln hinzu.

Auf die schiefe Bahn geraten

Urahn des elektrischen Geschicklichkeitsautomaten ist das sogenannte Bagatelle. Dieses Ende des 19. Jahrhundert in Mode gekommene hölzerne Spielgerät weist ein abschüssiges Spielfeld auf. Die vom Spieler abgeschossene Stahlkugel trifft auf dieser schiefen Bahn auf Hindernisse, zum Beispiel Nägel. Ohne Einfluss auf den Verlauf des Balles nehmen zu können, blieb dem Spieler nur das Bestaunen von Schwerkraft und Zufall.

Spannender wurde es, als in die Nachkommen dieses Urflippers in den 1950er Jahren Hebel eingebaut wurden. Nun ließ sich die Kugel gezielt gegen Schlagtürme und Zielscheiben oder auf Auswurflöcher und Rampen befördern. Dabei klackte, klingelte und klimperte es, und mechanische Zählwerke im Kopfaufsatz des metallenen Vierbeiners dokumentierten die Fortschritte der Ballkünstler, die sich bald auch zu mehreren an der Glasfront duellieren konnten.


Foto: © Ruth Bourgeois

Aus den USA trat der Flipperautomat seinen Triumphzug durch Europa an. Begriffe wie „ausgeflippt“ oder„tilt“ wurden fester Bestandteil der Umgangssprache. Zudem stellten die beleuchteten Motive und Themen auf der Glasfront die leuchtenden Errungenschaften der jeweiligen Kultur dar – von Playboy-Häschen und Bikini-Schönheiten über Monsterwesen bis zu diversen Rockgruppen, vom Comic-Helden über den martialischen Krieger bis zum Politiker.
„Es ist faszinierend, wie sich im Kopfaufsatz der Geräte der Zeitgeist widerspiegelt“, erklärt Flipperfachmann Axel Hillenbrand. Der studierte Pädagoge schrieb seine Diplomarbeit über StarTrek – und beschenkte sich nach bestandenem Abschluss mit dem gleichnamigen Flipperautomaten.

Als in den 1970er Jahren Videospiele in Spielhallen und Kneipen auftauchten, übten sie enorme Faszination auf die Jugend aus. Schon bald verbannten Pac-Man, Space Invader & Co. die zuvor allgegenwärtigen Flipperautomaten. Die wurden zur Privatsache, zum Spaßfaktor in Partykellern. Flipperfan Hillenbrand gründete mit Diplom-Elektrotechniker Harald Fleischhauer einen gemeinnützigen Verein, organisierte Räumlichkeiten in Neuwied – und brachte 2006 das „Extraball“ ins Spiel. Seitdem leisten hier jedes Wochenende zwei von insgesamt neun ehrenamtlichen Mitarbeitern Dienst. Und wechseln beispielsweise am laufenden Band Euro in D-Mark um – Voraussetzung für den Spielbetrieban den älteren Geräten. Tausende Besucher aus Deutschland und Nachbarstaaten fanden seitdem den Weg hierhin.


Foto: © Ruth Bourgeois

Ein Fall für die Flipperdoktoren

Da die mechanischen Kolosse nicht nur bestaunt, sondern auch bespielt werden, müssen sie regelmäßig auf den Behandlungstisch. Museumsgründer Harald Fleischhauer hat bereits mehr als fünfzehn Jahre Erfahrung mit seinen stählernen Patienten, ihre inneren Organe sind dem Fünfzigjährigen bestens vertraut. Tatsächlich tut sich in deren Bauch ein Wust an Relais, Spulen, Drähten, Kabeln und Kontaktbahnen auf. „So ein Flipperautomat besteht aus rund 100 Lämpchen, 30 Elektromagneten, 800 Meter Kabel, mehreren Elektromotoren, über 60 Kontakten und Hunderten von elektronischen oder mechanischen Bauteilen“, weiß Fleischhauer, der sich seit Jahren bei seinen OPs assistieren lässt: Der 2006 achtjährige Jakob Buhry entdeckte an der Seite seines Vaters bei Besuchen im Flippermuseum seine Leidenschaft für das Spiel. Und interessierte sich zunehmend auch für das Innenleben seiner elektrischen Spielgefährten. Flipperdoktor Fleischhauer nahm Jakob unter seine Fittiche, und der rückt in seinem Auftrag seitdem mit Lötkolben und Schraubendreher bewaffnet kränkelnden Geräten zu Leibe. Päppelt sie auf. Und füttert sie anschließend mit harter D-Mark.

Informationen:

Deutsches Flippermuseum

Hermannstr. 9
56564 Neuwied
Tel. 02631 / 35 81 83

Mehr Informationen finden Sie auf der Webseite.

Öffnungszeiten:

Samstag und Sonntag 14–18 Uhr.
Eintritt: Erwachsene 6 Euro
Kinder bis 15 Jahre/ermäßigt: 3,50 Euro
Familien: 12 Euro

Alle Eintritte inklusive fünf, drei oder zehn Freispiele.

Tags: Ausflugstipp , Flipper

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