Kultur
Gemeinsame Geschichte(n) im Dokumentationszentrum und Museum über die Migration in Deutschland (DOMiD)
Carina Ebert · 30.07.2026
Ein Koffer voller Mut und eine Schallplatte der Sängerin Yüksel Özkasap – beide Objekte erzählen von Migration. Quelle: DOMiD
Beinahe unscheinbar liegt sie da: eine kleine, cremefarbene Muschel. Kaum größer als eine Streichholzschachtel, aber gefüllt mit Bedeutung. „Sie stammt aus Mazedonien“, erzählt Vera Tönsfeldt, Sammlungsleiterin des „Dokumentationszentrum und Museum über die Migration in Deutschland“, kurz DOMiD. „Die Kinder einer Familie haben sie während der Flucht gesammelt. Immer, wenn ihnen jemand geholfen hat – mit Wasser, Essen oder einem Schlafplatz –, haben sie eine Muschel verschenkt.“ Diese Muschel ist die letzte, die nach der langen Reise übriggeblieben war. „Sie erinnert daran, dass auch in Zeiten von Flucht und Vertreibung Menschlichkeit möglich ist“, so Tönsfeldt.
Türkische Wurzeln
Wer durch die Magazine des DOMiD geht, bewegt sich durch ein kollektives Gedächtnis Deutschlands, festgehalten in Alltagsgegenständen. Manche wirken unscheinbar, doch sie tragen die Spuren von Aufbruch, Hoffnung und Verlust. Sie erzählen Geschichten, die in keinem Schulbuch stehen. Vielleicht wären sie ohne die Bemühungen von Deniz Kavukçuoğlu, Aytaç Eryılmaz, Ahmet Cumhur Aytulun, Dr. Gönül Göhler, Selçuk Ceylan, Lale Çakıroğlu und Ahmet Sezer, alle türkischstämmig, verloren gegangen. Als Freundesgruppe haben sie den Verein 1990 gegründet, damals noch als Archiv für die Migration aus der Türkei, kurz DOMiT.

Viele wichtige Zeiten – konserviert für die Ewigkeit. Foto: Carina Ebert
In einer Zeit, in der die Wiedervereinigung das Land beschäftigte, begannen sie, alltägliche Dinge zu sammeln: Arbeitsverträge, Fotos, Briefe, Kochtöpfe. Zunächst lagerte alles in einer Garage, später in einem kleinen Büro an der Bonner Straße. Seit 2009 wird der Verein öffentlich gefördert. Heute arbeiten im Bezirksrathaus Ehrenfeld rund zwanzig fest angestellte Fachleute aus Architektur, Museologie und Geschichtswissenschaft, Menschen mit und ohne eigene Migrationsgeschichte.
Flucht aus der DDR
Eines der eindrucksvollsten Stücke der Sammlung ist ein alter, verbeulter Koffer – ein Zeugnis innerdeutscher Migration. Sein Besitzer, Wolfgang Grüner, floh 1957 mit diesem Koffer und seiner siebenjährigen Schwester aus der DDR. Zwischen Strümpfen und Papieren versteckte die Familie ihr gesamtes Erspartes in ausgehöhlten Brötchen – nur Stunden bevor die DDR-Währungsreform ihr Geld wertlos machte. „Hätte man sie entdeckt, wäre die Familie auseinandergerissen worden“, erzählt Pressesprecher Timo Glatz. Heute erinnert der Koffer an den Mut, den es brauchte, Grenzen zu übertreten – damals wie heute.
Alltag in deutschen Fabriken
Doch Migration hat auch Klänge: Einige davon kann man hier hören. Wie die Schallplatten der Sängerin Yüksel Özkasap, der „Nachtigall von Köln“. Ihre Lieder handeln von Sehnsucht, Einsamkeit – und von Liebe. Andere Musiker wie Metin Türköz oder Ata Canani sangen erstmals auf brüchigem Deutsch über den Alltag in deutschen Fabriken. „Diese Musik war eine Brücke zwischen den Kulturen“, sagt Tönsfeldt. „Sie zeigt, dass Integration immer anders klingt: manchmal melancholisch, manchmal laut, manchmal auf Deutsch, manchmal in der Muttersprache.“
DOMiD sammelt auf diese Weise nicht nur Dinge, sondern Erinnerungen. Viele Menschen bringen Gegenstände ihrer Eltern oder Großeltern vorbei – und beginnen erst in diesem Moment, ihre Familien geschichte aufzuarbeiten. „Manchen ist gar nicht klar, dass sich jemand dafür interessiert“, so Tönsfeldt. „Bis sie hier ein ähnliches Objekt in einer Vitrine sehen – und plötzlich reden sie los.“

Ausstellungsstücke wie diese Muschel und Waage regen die Besuchenden an, sich zu erinnern und über Erlebtes auszutauschen. Quelle: DOMiD
Museum Selma ist Traum für die Zukunft
Eines Tages soll die umfangreiche Sammlung des Archivs einem breiten Publikum offenstehen. Dafür sollte ursprünglich in Kalk bis 2029 das „Museum Selma – Haus der Einwanderungsgesellschaft“ entstehen, in einer historischen Halle auf dem ehemaligen KHD-Werksgelände. Leider steht dieser Plan aufgrund massiver Verteuerungen in Frage. Ob der Bau verkleinert in Kalk oder an einem anderen Standort realisiert wird, wird diskutiert und geprüft. Ein Haus für alle soll es jedenfalls werden, betont Glatz: „Kein Museum über Migranten und Migrantinnen, sondern mit ihnen.“ Damit soll Migration dort sichtbar und erlebbar werden, wo sie stattfindet: mitten unter uns – und als Teil unserer gemeinsamen Geschichte. Und manchmal beginnt diese Geschichte mit nichts weiter als einer kleinen Muschel in einer Manteltasche.
DOMiD– Dokumentationszentrum für Migration in Deutschland e. V.
Venloer Str. 419
Tel. 0221 / 800 03 28 30
www.domid.org
Öffnungszeiten: Mo–Do 9–17 Uhr und Fr 9–12 Uhr
Gebuchte Führungen für bis zu 20 Personen dauern 90 Minuten und kosten 150 Euro (Anmeldung mit drei Wochen Vorlauf).
Die Recherche im Archiv und der Bibliothek ist für zwei Personen mit Voranmeldung zeitgleich möglich.
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Tags: Ausstellung , DDR , Geschichte , Migration , Museum , Türkisch , Wiedervereinigung