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Ratgeber

Konflikte zwischen Eltern und Großeltern

Ulrike Süsser · 15.07.2024

Großeltern auf Entzug? Viele Senioren leiden darunter, ihre Enkel nicht zu sehen. Foto: iStock.com/Srdjanns74

Großeltern auf Entzug? Viele Senioren leiden darunter, ihre Enkel nicht zu sehen. Foto: iStock.com/Srdjanns74

Oft bauen Großeltern eine enge Beziehung zu ihren Enkeln auf. Aber was ist, wenn sie diese wegen Familienkonflikten nicht mehr sehen dürfen? Lesen Sie über Familienrecht, Hilfsangebote und Tipps für einen guten Kontakt zueinander.

Eines steht fest: Ist das Verhältnis gut und die räumliche Nähe gegeben, sind Omas und Opas gefragte Unterstützer. Im Idealfall sind sie für die nächste Elterngeneration da, sind ein Ruhepol, geduldig, verlässlich und verbringen gern viel Zeit mit ihren Enkelkindern, die sie lieben. Die Fakten bestätigen: Etwa ein Drittel der Menschen zwischen sechzig und neunzig Jahren beteiligt sich an der Betreuung seiner Enkel, so eine Studie des Deutschen Zentrums für Altersfragen aus dem Jahr 2023. Auch die Großeltern haben etwas vom Umgang mit den Kindern ihrer Kinder – sie bleiben fit, in Schwung und sie erleben Glücksmomente und Abwechslung. Selbst wenn die Familien nicht nah beieinanderwohnen, bleiben sie über Telefon oder Internet in Verbindung.

Streit zwischen den Generationen

Das Miteinander der Generationen ist aber nicht immer eine Quelle von Glückseligkeit. Manchmal trügt der harmonische Schein und es rumort hinter den Kulissen. Das kann so weit führen, dass die junge Generation den Großeltern den Kontakt zu den Enkelkindern teilweise oder ganz verwehrt.

Wie zum Beispiel im Fall von Frau Schmidt (Name von der Redaktion geändert). Vor eineinhalb Jahren hat ihre Tochter den Kontakt komplett abgebrochen, und somit sieht sie auch ihre Enkelinnen im Schulalter so gut wie nicht mehr. Schon vor dem Bruch sei das Verhältnis zwölf Jahre lang sehr belastet gewesen, erzählt sie. „Ich wurde gedemütigt, aber ich habe alles hingenommen“, berichtet die Großmutter. Sie leidet, fragt immer wieder nach dem Warum. Der Schlamassel habe mit der Hochzeit der Tochter begonnen, meint sie. Mit der Schwiegerfamilie habe sie sich nie anfreunden können. Vielleicht sei das der Grund für die Abkehr, vermutet sie. „Ich versuche nun, damit zu leben“, betont sie und ergänzt mit einer gewissen Verbitterung: „Ich gehe nie mehr auf meine Tochter und ihre Familie zu, nur wenn sie den Anfang macht, können wir neu beginnen.“

Kontakt zu den Kindern suchen

Frau Schmidt hat sich Unterstützung gesucht. Sie sitzt zusammen mit acht anderen betroffenen Omas an einem Tisch und nimmt an der „Kölner Selbsthilfegruppe für ausgegrenzte Großeltern“ teil. Das Treffen findet unter dem Dach der „Bundesinitiative Großeltern“ (BIGE) statt und wird von Annemie Wittgen geleitet. Die Rentnerin hat als betroffene Oma mit fünf Enkelkindern im Jahr 2008 eine Selbsthilfegruppe in Euskirchen gegründet und 2013 die Gruppe in Köln. Früher hat sie als Krankenschwester in einem Kinderdorf gearbeitet.

„Um ein Kind aufzuziehen, braucht es ein ganzes Dorf“

Afrikanisches Sprichwort

Nicht alle in der Runde sind mit der harten Haltung von Frau Schmidt einverstanden. Frau Müller (Name ebenfalls geändert) meint: „Man darf nie aufhören, den Kontakt zu suchen, auch wenn es noch so schwerfällt.“ Hinter ihr liegen sieben Jahre weitgehender Funkstille nach einem Krach. „Ich habe oft geweint, es war die Hölle“, erzählt sie. Viele Briefe habe sie in der Zeit an ihren Sohn geschrieben, aber immer wieder in die Schublade gelegt.

Mit Unterstützung der Gruppe fand sie die Kraft für einen neuen Brief, in dem sie Fehler zugegeben hat – zu sehr habe sie sich in die Erziehung eingemischt, zu fordernd sei sie aufgetreten. Diese Erkenntnisse hat sie durch die jahrelange emotionale Unterstützung der Gruppe gewonnen. Sie hätten ihr zugehört und gemeinsam mit ihr an einer Lösung gearbeitet, sie habe viele gute Ratschläge erhalten. Diese Zeilen hat sie dann tatsächlich abgeschickt, und das hat gewirkt. Sie konnte wieder zarte Bande zu ihren Kindern und Enkeln knüpfen. „Ich bin jetzt zufrieden und froh“, sagt Frau Müller. Nun freut sie sich schon auf das nächste Treffen mit der ganzen Familie. Und sie weiß, was sie tun kann und was sie lieber bleiben lässt.

Es gibt Hilfen für Großeltern

Seit elf Jahren besteht nun die BIGE-Kontaktstelle in Köln. Bei den Gruppentreffen reden die Betroffenen offen miteinander und mit viel Laienkompetenz. Die Initiative mit ihren Kontaktstellen und Selbsthilfegruppen kämpft für das Recht aller Kinder auf den Umgang mit der ganzen Familie. Wittgen hat viel erlebt in der Zeit. „Ausgegrenzte Omas und Opas fühlen sich hilflos, sie leiden, haben oft schwere gesundheitliche Probleme und brauchen fast immer psychotherapeutische Behandlung“, weiß sie aus ihrer langjährigen Erfahrung.

Aber nicht nur in einer Selbsthilfegruppe finden betroffene Großeltern Hilfe und Unterstützung. Professionelle Mediatoren, Anwälte oder andere neutrale dritte Personen wie ein Pastor können als Schlichter und Vermittler eingeschaltet werden. Ansprechpartner sind auch immer die zuständigen Jugendämter. Außerdem bieten freie Träger der Jugendhilfe, kirchliche und andere gemeinnützige Einrichtungen ihre Unterstützung bei der Bewältigung der Konflikte an.


Das Familienleben zwischen den Generationen ist nicht immer heile Welt. Foto: iStock.com/Morsa Images

Ganz unterschiedliche Gründe können zu einem Bruch und Kontaktverbot führen. Zum Beispiel werden manche Eltern eifersüchtig und ertragen es nicht, wenn sich das Enkelkind allzu sehr auf Oma und Opa freut. Zu einem „Enkel-Entzug“ kann es auch kommen, wenn Großeltern die Kleinen zu sehr verhätscheln oder zu „altmodisch“ mit ihnen umgehen.

Brenzlig wird es, wenn die „Alten“ den Erziehungsstil der „Jungen“ offen kritisieren, wenn sie bestimmen wollen und sich einmischen. Vor allem nach einem Krach, nach Beleidigungen und Kränkungen werden die Enkel oft in Sippenhaft genommen und dürfen Oma und Opa nicht mehr sehen. Der häufigste Grund für ein Kontaktverbot ist jedoch eine Trennung und Scheidung der Elternteile. Oft wollen Mütter und Väter dann nicht mehr, dass sich die Enkel mit den Ex-Schwiegereltern treffen. Wittgen betont: „Mehr als 50.000 Scheidungskinder in Deutschland verlieren jährlich den Kontakt zu einem Elternteil und zu ihren Großeltern.“

Umgangsrecht erstreiten?

Großeltern, Bezugspersonen und Geschwister haben ein Recht auf Umgang mit dem Kind, wenn dieser dem Wohl des Kindes dient – so steht es im Paragraf 1685 des Bürgerlichen Gesetzbuches. Es ist also möglich, das Umgangsrecht zu erstreiten. Ein Gerichtsverfahren kostet aber Geld, Zeit und Nerven und ist oft wenig Erfolg versprechend. Bislang müssen Großeltern von sich aus nachweisen, dass sie eine starke, gewachsene Bindung zum Enkelkind haben und dass es sinnvoll ist, diese aufrechtzuerhalten.

Kommt es zu einem Verfahren am Familiengericht, können Großeltern ihre Argumente bei einer Anhörung vortragen, bei der auch die Eltern, ein Verfahrensbeistand für das Kind, Vertreter des Jugendamtes und eventuell Rechtsanwälte ihre Sichtweisen darlegen. Auch das Enkelkind muss gehört werden. Im Mittelpunkt steht dabei immer das Wohl des Kindes, im Streitfall hat das Elternrecht Vorrang.


Letztlich geht es um das Wohl des Kindes. Foto: iStock.com/laflo

Die Siegburger Familienrichterin Daniela Lippok-Wagner berichtet, dass bei ihr im Jahr 2023 lediglich fünf Großeltern einen Antrag auf Umgangsrecht gestellt hätten. Wesentlich mehr Anträge, nämlich 211, seien im gleichen Jahr von Eltern und anderen Bezugspersonen wie etwa Geschwistern bei ihr eingereicht worden. Bei den fünf Großeltern-Fällen hätten sich die Streitparteien jedoch mit Hilfe von Schlichtungsgesprächen, sogenannten Mediationen, gütlich geeinigt oder die Großeltern hätten den Antrag zurückgezogen.

Der Gang vor Gericht ist also möglich, aber sicher ein letzter Schritt im Kampf um die Enkel. Ein erster Schritt wäre in jedem Fall die Bereitschaft zum Gespräch, meint die Richterin – noch bevor es zum großen Bruch komme. Und dieser sollte im Sinne aller doch vermieden werden – denn wie ein afrikanisches Sprichwort weiß: „Um ein Kind aufzuziehen, braucht es ein ganzes Dorf“ – und besonders eben auch liebende Omas und Opas.

Tipps für Großeltern-Kinder-Beziehungen

Was hilft, Konflikte mit den Kindern zu vermeiden?

1. Den Kontakt zu den Enkeln suchen und aufrechterhalten

2. Freiwillig Unterstützung anbieten, aber nicht aufdrängen

3. Über den Dingen stehen und nachsichtig sein, auch bei Enttäuschungen

4. Den Erziehungsstil respektieren und lieber mal auf die Zunge beißen

5. Die Enkel in Absprache mit den Eltern und in Maßen verwöhnen

6. Keine offene Kritik an den Eltern äußern

7. Bei Konflikten nicht Partei für ein Elternteil ergreifen

8. Enkelkinder nicht in einen Streit einbeziehen

9. Selbst gut aufgelegt, aktiv und locker sein

10. Sich den Herausforderungen stellen und einfach sein Bestes geben

Großeltern-Gruppe Köln:

Treffen jeweils am 3. Montag im Monat 14.30–17 Uhr.

Haus der Selbsthilfe
Marsilstein 4–6
Info: Tel. 02251 / 14 71 01 und 0221 / 95 15 42-16
www.grosselterninitiative.de
www.selbsthilfenetz.de

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Tags: Enkel , Familienrecht , Familienstreit , Grosseltern , Konflikt

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