Raus aus Köln

Solo in die Fremde

lvp · 03.05.2019

Ingrid Rasch reist oft. Auf Wanderschaft geht sie gern allein, weil sie dann die Natur noch eindrücklicher erlebt. Foto: privat

Ingrid Rasch reist oft. Auf Wanderschaft geht sie gern allein, weil sie dann die Natur noch eindrücklicher erlebt. Foto: privat

Allein verreisen – für manche ist das gar nichts, andere lieben es.

Vor zwanzig Jahren, nach ihrer Scheidung, fährt Ingrid Rasch (74) zum ersten Mal allein in Urlaub: eine Woche ins Hotel. Dann mietet sie eine Ferienwohnung, und irgendwann geht sie allein wandern. „Ich wollte ausprobieren, was zu mir passt.“ Danach war ihr klar: „Die Ferienwohnung ist es nicht. Da hat man keinen Kontakt zu anderen Menschen“, sagt die studierte Psychologin. Denn soziale Kontakte, wenn auch flüchtige, sind ihr auf Reisen wichtig.

Spannend an einer fremden Umgebung findet Ingrid Rasch auch, dort etwas für sie Ungewohntes zu machen: so zum Beispiel fremde Menschen anzusprechen, falls keiner auf sie zukommt. In Hotels kam Ingrid Rasch gut zurecht, nur mochte sie es nicht, allein zu essen. Damit ihr die Zeit bei mehrgängigen Menüs nicht zu lang wurde, hat sie sich ein Buch in den Speisesaal mitgenommen.

Aus all ihren Reiseexperimenten ist die große Liebe, allein zu wandern, geblieben. „Das macht zwar auch mit einer Freundin Spaß, doch allein erlebe ich die Natur viel intensiver. In Begleitung unterhält man sich, und dann rauscht vieles auf dem Weg einfach nur vorüber“, meint Rasch. Faszinierend am Wandern ist für sie auch der Verzicht: „Es ist bemerkenswert, mit wie wenig Sachen man auskommen kann. Alles, was man braucht, ist dabei.“ Übernachtungen erfragt sie auf ihren Touren häufig erst im Ort beim Verkehrsverein. Das kann dann auch eine Matratzenunterkunft sein, wie einmal auf dem Ökumenischen Pilgerweg von Görlitz nach Erfurt. Dort würde sie jederzeit wieder einkehren.

Großes Angebot für Alleinreisende

Auf eigene Faust zu verreisen ist sicher nicht jedermanns Sache, doch Millionen Deutsche verbringen Urlaube ohne Begleitung beziehungsweise schließen sich Gruppenreisen an, deren andere Teilnehmer sie bis zur Ankunft nicht kennen. Im Jahr 2017 waren von den über 60-jährigen Urlaubern 15 Prozent ohne Freunde oder Familie unterwegs – das geht aus der Reiseanalyse der Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen e. V. (FUR) hervor. Darunter sind Geschiedene, Verwitwete, Ledige und solche, die einfach ihr Hobby ausleben wollen, weil der Partner damit womöglich nichts anfangen kann.

Längst haben sich viele, auch große Reiseveranstalter auf die wachsende Gruppe der Alleinreisenden eingestellt. „Die Anbieter passen sich an, etliche reduzieren den Einzelzimmerzuschlag oder verzichten inzwischen sogar darauf“, sagt Bente Grimm, Reiseforscherin bei der FUR. So ist das Angebot für Alleinreisende inzwischen riesig: Es gibt den Abenteuerurlaub genauso wie die ruhigeren Trips mit komfortablen Unterkünften, den Yoga- oder Malurlaub, die Meditation im Kloster, den Wellness- oder Aktivurlaub in den Bergen, den Strandurlaub und den Städtetrip sowie betreute Reisen für alle, die nicht mehr ganz fit sind. An vielen dieser Reisen nehmen aber auch Paare und Familien teil.

Senioren machen ein Selfie
In einer Gruppe können sich Freundschaften für weitere Reisen ergeben. Foto: fotolia / Rawpixel Ltd.

In der Gruppe reisen bedeutet, alle wollen etwas erleben, jedoch nicht allein. Julia Proksch, Marketingexpertin beim Kölner Reiseanbieter SKR, hat außerdem beobachtet: Frauen fühlen sich in weiter entfernten Ländern und fremden Kulturen in Gruppen samt ortskundigem Reiseführer sicherer. Zumal wenn Verständigungsprobleme drohen. „Je nachdem wie gut mein Englisch ist, eignet sich eine Reisegruppe mit einem Reiseführer, der sogar die lokale Sprache beherrscht, deshalb am besten“, weiß Julia Proksch.

Gute Organisation auf Gruppenreisen

Das kann Monika Mayer* nur unterschreiben. Sie spricht zwar Englisch und sogar etwas Spanisch, doch allein nach Argentinien hätte sie sich nie getraut. „In der Gruppe war das etwas anderes. Das ist ein geschützter Raum“, erzählt die 57-jährige Sekretärin. Mit Gruppen war sie „bestimmt schon zwanzig Mal weg“ – darunter in Asien, Afrika und auf den Azoren. Ihr gefällt, dass alles organisiert wird. „Wenn ich zum Beispiel eine Rundreise durch Thailand oder Namibia vorher selbst organisieren müsste, würde mich das unendlich viel Zeit kosten. Und so braucht man sich um nichts zu kümmern, bekommt enorm viel zu sehen und erlebt jede Menge.“

Außerdem ist Monika Mayer jedes Mal gespannt auf die unbekannten Mitreisenden. Die seien in verschiedensten Kombinationen unterwegs: Paare, Geschwister, erwachsene Kinder mit Eltern und eben Alleinreisende wie die Kölnerin. Freundschaften über den Urlaub hinaus haben sich daraus entwickelt. Früher hat sie sich sogar immer ein Zimmer mit einer unbekannten Mitreisenden geteilt, weil es günstiger war. Doch seitdem es zweimal nicht so gut geklappt hat, bucht sie immer ein Einzelzimmer. Was einen entscheidenden Vorteil hat: „Wenn ich gerade keine Lust auf Gesellschaft habe, kann ich mich zurückziehen, wann ich möchte.“

Was ihr an Gruppenreisen noch gefällt? „Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Fremde respektvoll miteinander umgehen.“ Mit Freunden in der Fremde könne der Respekt in Konfliktsituationen schon mal schneller verlorengehen. Sie jedenfalls möchte es nicht noch einmal erleben, dass eine Reise eine Freundschaft auf eine harte Probe stellt.

Kurz gekannt, lang bekannt

Auch der ledige Klaus Titko, 67, kennt Urlaub mit Freunden. Inzwischen fährt er mit einer Gruppe von Freunden jedes Jahr nach Andalusien, wo gemeinsam Boule gespielt wird. Das hat sich bewährt, doch zusätzlich sucht er den Tapetenwechsel auch ohne Begleitung: „Eigentlich verreise ich allein, um Menschen kennenzulernen. Was allein definitiv am besten geht.“ Der pensionierte Berufsschullehrer lächelt bei den Erinnerungen an seine Erlebnisse, Geschichte um Geschichte sprudelt aus ihm heraus. Seine Gruppentour in der Türkei, dann die Touren mit dem Auto allein kreuz und quer durch Slowenien und Tschechien. Dort hat er eine Frau kennengelernt, die ihn angesprochen hatte, weil sie gerne wieder einmal Deutsch sprechen wollte. „Sie hat mich ihrem Lebensgefährten und ihrer Familie vorgestellt und noch heute, über zehn Jahre später, schreiben wir uns.“

Der Kölner aus Zollstock hat nur Gutes erlebt. Nur einmal war ihm ziemlich mulmig zumute, als er übers Internet in Bukarest, Rumänien, eine Übernachtung gebucht hatte, ohne genau zu wissen, wo sie lag. Das Quartier entpuppte sich als Wohnung im 16. Stock eines Wohnblocks am Rande der Stadt, in einer heruntergewirtschafteten Gegend. „Zuerst hatte ich etwas Angst, doch die Leute dort waren total nett, absolut hilfsbereit. Sie haben mir zum Beispiel gezeigt, wie ich mit den Verkehrsmitteln in die City komme.“ So fühlte er sich dann doch gut aufgehoben.

Klaus Titko
Hat das Hobby zum Urlaub gemacht: Klaus Titko. Foto: Olaf Titko

Seit Klaus Titko vor fünf Jahren pensioniert wurde, hat er seine Alleinreisen neu ausgerichtet. Fotografieren ist zu einem intensiven Hobby geworden, das er mit seinen Reisen und Kurztrips verbindet. Dann fotografiert er Landschaften und Architektur. Im Internet hat er eine Foto-Community mitgegründet, die Gemeinschaft ist inzwischen auf über hundert Mitglieder angewachsen.

Manche Mitglieder organisieren einen sogenannten Foto-Walk, andere können anreisen, an dem Spaziergang teilnehmen und fotografieren. „So habe ich schon viele Städte in Deutschland ganz intensiv kennengelernt. Regelrecht verliebt habe ich mich in Hamburg. Dort habe ich auf diese Weise Ecken gesehen, die ich als einfacher Tourist nie zu Gesicht bekommen hätte.“ Längst kennt Titko über die Hälfte aller Mitglieder aus der Community persönlich, „daraus haben sich richtige Freundschaften entwickelt.“

Seine Pläne für dieses Jahr? Zwei Foto-Walks hat er schon vorgemerkt. Wo es außerdem hingeht, steht noch nicht fest: „Meistens entwickeln sich meine Reiseziele spontan. Ein Jahr im Voraus plane ich eigentlich nicht.“ Monika Mayer möchte als Nächstes mit einer Gruppe nach Chile. Und Ingrid Rasch denkt darüber nach, allein eine Radtour zu machen. Ihre Freundin, die ursprünglich mitradeln sollte, hat abgesagt. Dass jemand abspringt oder ausfällt, kann immer passieren. Plötzlich ist man dann auf sich allein gestellt. Für diesen Fall hat Ingrid Rasch einen wertvollen Tipp: „Frühzeitig auch Freude am Alleinreisen entwickeln.“

*Name geändert

Anbieter für Alleinreisende

SKR Reisen

Rund- und Studienreisen sowie Reisen für spezielle Interessen in kleinen Gruppen.
Tel. 0221 / 933 72-0, www.skr.de

Sunwave Singlereisen

Aktiv, kulturell, Schiffsreisen, besondere Anlässe.
Tel. 040 / 77 25 85 70, www.sunwave.de

Weitere Informationen:

Internetportal der Triplemind GmbH mit Angeboten verschiedener Veranstalter für Single- und Seniorenreisen

Tags: Reisen

Kategorien: Raus aus Köln