Leben in Köln

Rasen mähen statt Miete zahlen

Martina Dammrat · 04.08.2019

Jorge Sandoval und Elisabeth Pisacane wohnen zusammen und sind gemeinsam zur Feierstunde erschienen. Foto: Martina Dammrat

Jorge Sandoval und Elisabeth Pisacane wohnen zusammen und sind gemeinsam zur Feierstunde erschienen. Foto: Martina Dammrat

Wer will das nicht: lange selbstständig in den eigenen vier Wänden wohnen bleiben. Aber was ist, wenn die Hausarbeit zu viel wird? Arbeit gegen Wohnraum ist ein günstiges wie einfaches Prinzip. In Köln funktioniert das schon seit zehn Jahren.

„Elisabeth ist ein bisschen im höheren Alter, daher haben wir unterschiedliche Vorstellungen“, sagt Jorge Sandoval (27). Der Sportstudent wohnt seit fünf Jahren bei Elisabeth Pisacane und nennt die 87-Jährige auch schon mal „Oma Betti“. Die beiden haben sich – so möchte man sagen – gesucht und gefunden. Dank „Wohnen für Hilfe“, einem Projekt der Stadt Köln und der Universität Köln. „Wohnen für Hilfe“ ist eine besondere Wohnform mit Vorteilen für Studierende und Menschen, die sich Unterstützung wünschen.

Auf dem angespannten Kölner Wohnungsmarkt sind Zimmer für Studierende knapp. Hier schafft „Wohnen für Hilfe“ ein wichtiges Zusatzangebot. Es bringt Studierende mit Menschen zusammen, die sich Unterstützung im Alltag wünschen und Wohnraum anzubieten haben. Das können Seniorinnen und Senioren sein, aber auch Familien, alleinerziehende oder behinderte Menschen. Die Studierenden zahlen keine Miete, sondern leisten pro überlassenem Quadratmeter Wohnraum eine Stunde Hilfe im Monat. Dazu gehören Arbeiten in Haushalt und Garten, Spaziergänge und Arztbesuche, Tierpflege und Unterhaltung. Ausgenommen sind jedoch jegliche Pflegeleistungen.

Eine zehnjährige Erfolgsgeschichte

Nun feiert das Projekt sein zehnjähriges Bestehen. Die eigentliche Initiative geht schon auf das 2005 zurück. Damals griff die Seniorenvertretung der Stadt Köln (SVK) die aus England stammende Idee auf und vermittelte erste Wohnraumpatenschaften zwischen Seniorinnen und Senioren und Studierenden. Daran erinnerte Dr. Martin Theisohn, Sprecher der SVK, bei der Feierstunde in der Universität.

Die eigentliche Geburtsstunde schlug aber 2009, als das Projekt fest an der Universität zu Köln etabliert wurde und die Stadt Köln dessen Finanzierung übernahm. Dass dies auch in Zukunft so sein werde, bekräftigte Josef Ludwig, Leiter des Wohnungsamtes, bei der Feier. Dr. Michael Stückradt, Kanzler der Universität, verwies auf die stetig wachsende Zahl von Studierenden, die nach Köln kommen, besonders zum Wintersemester. Ausreichend bezahlbarer Wohnraum fehle: „Viele nehmen lange Pendelstrecken in Kauf, das erschwert aber das Studium erheblich.“

Hemmungen überwinden

Alle Beteiligten wissen, welcher große emotionale Angang es ist, sich als Wohnraumanbieter zur Verfügung zu stellen. Die Hemmungen und Vorbehalte seien verständlich. Aber sie können oft ausgeräumt werden. Dafür sind Sandra Wiegeler und Heike Bermond da. Beide suchen sehr sorgfältig die Paare aus, die sie dann im ersten Schritt einander vorstellen. Bei Sympathie folgt ein Wohnen auf Probe, bevor ein Vertrag die Wohnpartnerschaft besiegelt. Und auch anschließend stehen die Diplom Heilpädagoginnen bei Bedarf unterstützend zur Verfügung.


Sandra Wiegeler und Heike Bermond initiieren und begleiten die Wohnpartnerschaften für "Wohnen für Hilfe" in Köln. Foto: Martina Dammrat

700 Partnerschaften sind so in den letzten Jahren entstanden. Manche dauern ein, zwei Semester, manche mehrere Jahre. Und können sehr vertraut werden. So bei Jorge Sandoval und Elisabeth Pisacane. Die rüstige pensionierte Lehrerin beherbergt seit neun Jahren Studenten in einer kleinen Einliegerwohnung in ihrem Haus in Heimersdorf.

Als ihre Kinder aus dem Haus waren, wollte sie nicht allein sein. Jorge ist schon der vierte Mitbewohner und ihr regelrecht ans Herz gewachsen. Sie habe viel Neues von den jungen Menschen gelernt. „Ich bleibe im Kopf modern, weil Jorge mir viel erzählt“, sagt sie. Er geht mir ihr einkaufen, er kümmert sich mit um den Garten, begleitet sie auf Reisen und hat ihr geholfen, ihre PC-Kenntnisse wie Google und Facebook zu verbessern. Über die Zeit „haben wir uns liebgewonnen“, meint der Student, und Pisacane nickt bestätigend. Haben sie ein Erfolgsrezept? Toleranz und Großzügigkeit seien das Wichtigste, sagt sie.

Informationen:

Sandra Wiegeler und Heike Bermond
Info: 0221 / 470 79 33

Weitere Informationen und auch ein kurzes Video finden Sie auf der Webseite der Universität zu Köln oder auf der Webseite der Stadt Köln.

Hier können Sie sich per Klick den Flyer ansehen und herunterladen: Flyer download

 

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Tags: Unterstützung , Wohnen

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