Leben in Köln

Kölner Tafeln: Verteilen statt Vernichten

pph · 11.12.2018

Ein Team des Elisabethkorbs sortiert die durch die Kölner Tafel angelieferten Lebensmittel. Foto: Elisabethkorb

Ein Team des Elisabethkorbs sortiert die durch die Kölner Tafel angelieferten Lebensmittel. Foto: Elisabethkorb

Lebensmittel vor dem Abfall retten und Bedürftigen damit das Leben erleichtern – das ist seit 1993 das Konzept des bundesweiten Tafel e. V. Auch in Köln engagieren sich viele ehrenamtlich für die Lebensmittelverteilung. Doch die ist nicht unumstritten.

Einen großen Ansturm von Bedürftigen, das kann sich Helga Allermann nur schwer vorstellen. Mit einigen Mitstreitern will sie eine Lebensmittelausgabe in Widdersdorf organisieren. Noch ist nicht klar, wie das konkret aussehen soll. Eine Garage, in der sie die Spenden sortieren und für die Empfänger zusammenstellen können, ist gefunden. „Wir überlegen aber, ob wir nicht lieber ausliefern“, sagt sie. Dass ihr Angebot auch im eher wohlhabenden äußersten Westen auf rege Nachfrage treffen wird, daran zweifelt die 66-Jährige nicht. Sie hat vor allem alleinerziehende Mütter vor Augen, deren Haushaltskasse durch gespendete Lebensmittel entlastet werden kann: Vielleicht ist dann ein Spielzeug für die Kinder möglich oder neue Schuhe.

In anderen Stadtteilen kommen vor allem Ältere mit schmaler Rente zu den Ausgabestellen: „Die Gründe, warum jemand auf Spenden angewiesen ist, sind individuell so verschieden. Aber ich weiß, dass manche im letzten Monatsdrittel hungern“, sagt Allermann. Manche, so vermutet sie, könnten einfach schlecht mit Geld umgehen. Aber auch die Sanktionen des Jobcenters können dazu führen, dass den Menschen weniger als das Existenzminimum zur Verfügung steht und sie auf Lebensmittelspenden angewiesen sind.

Tafeln – ein Armutszeugnis?

Vorbild für Allermanns Vorhaben sind die rund dreißig Lebensmittelausgaben, die von ehrenamtlich Tätigen in der ganzen Stadt betrieben werden, in drei Bürgerhäusern, vielen Gemeindesälen und Privaträumen. Beliefert werden sie überwiegend vom 1995 gegründeten Verein Kölner Tafel. Die rund neunzig Helfer der Tafel sammeln Lebensmittel ein, die in Supermärkten nicht mehr verkauft werden, wegen bald ablaufender Haltbarkeitsdaten oder Schönheitsfehlern.

Verteilen statt vernichten: Dieses vermeintlich einfache Konzept liegt den Tafeln in ganz Deutschland zugrunde. Doch die Fragen, die es aufwirft, sind beunruhigend. Deutlich wurde das zuletzt, als Flüchtlinge von einer Ausgabe in Essen ausgeschlossen wurden. Denn die Tafeln rücken einen Zusammenhang ins öffentliche Bewusstsein, der in einem der reichsten Länder der Erde eigentlich nicht existieren dürfte: jenen zwischen Armut und Hunger.

Nützliches Ehrenamt

Wie der Alltag der Kölner Tafel aussieht, lässt sich morgens im Rodenkirchener Gewerbegebiet beobachten. Zehn weiße Lieferwagen stehen vor einer Lagerhalle, die zum Eigentum der eigens gegründeten Tafel-Stiftung gehört. Inge Diekmann, 69 Jahre alt und früher Hauptschullehrerin, sortiert Quarkpackungen. Die Motive für das ehrenamtliche Engagement sind vielfältig. Diekmann habe nach dem Arbeitsleben „etwas Sinnvolles gesucht“, sagt sie.

Lager der Kölner Tafel, 360Grad-Ansicht
Lager der Kölner Tafel (für größere Ansicht das Bild anklicken). Foto: Christoph Stein, CSNewMedia GmbH

Neben ihr sortiert Abiturient Hannes von Papen, der Spaß am Autofahren hat. Matthias Moldenhauer, der den Wagen mit Inge Diekmann an Bord lenkt, war vorübergehend arbeitslos. Er suchte für diese Zeit eine Beschäftigung. Bevor sie aufbrechen, geht er mit Diekmann die Liste der Ziele auf ihrer Tour durch. Zunächst fahren sie die Supermärkte ab, die mit der Tafel kooperieren.

Treffpunkt auf Augenhöhe

Direkt im Anschluss verteilen sie und die anderen Helfer den Überfluss an mehr als 130 Abnehmer. Dazu zählen Schulen, Jugendeinrichtungen, Flüchtlingsunterkünfte und Mutter-Kind-Wohnheime. Der Großteil geht jedoch an die Lebensmittelausgaben, die von der Tafel unabhängig organisiert sind, erläutert Geschäftsführerin Karin Fürhaupter: „Es gibt bestimmt auch Menschen, die sich schämen“, sagt sie. Entscheidend sei deshalb, dass die Verteilung auf Augenhöhe gestaltet sei.

„Wir kriegen das, was übrig bleibt“, so Beate Müller- Bley. Die 61-jährige Altenpflegerin ist seit drei Jahren erwerbsunfähig und bezieht eine Rente, die der Staat aufstocken muss. Sie hat fünf Kinder großgezogen und sitzt nun in einer gut gelaunten Runde vor der Lebensmittelausgabe des Bürgerzentrums Ehrenfeld. Sie ist froh, dass es die gibt: „Sonst könnte ich mir gar nichts mehr leisten“, sagt Müller-Bley.

Mitarbeiter des Elisabethkorbs geben Lebensmittel an Tafelkunden aus
Einen vollen Lebensmittelkorb erhält, wer eine Kundenkarte vorzeigt. Foto: Elisabethkorb

Christoph Stein gehört zu den Gründern des „Elisabethkorbes“, einer Lebensmittelausgabe im Kölner Norden. Die rund einhundert Kunden können ihr vorgepacktes Paket am Ausgabetag abholen – stressfrei und ohne Neid. Die Empfänger haben bei der einmaligen Registrierung ihren Köln-Pass vorgelegt. Damit vermeiden die Mitarbeiter, über Bedürftigkeit entscheiden zu müssen.

Die Tafel sieht sich dennoch vielfach Kritik von Fachleuten ausgesetzt: Im Unterschied etwa zur Arbeit professioneller Träger, die ihre Hilfe grundsätzlich mit Beratungsangeboten kombinieren, kann und will die Tafel solche Angebote nicht machen.

„Wir entlassen die öffentliche Hand nicht aus der Verantwortung“, sagt Tafel-Chefin Fürhaupter. Was die Supermärkte den Fahrern morgens mitgeben, und was am Nachmittag bei den Lebensmittelausgaben landet, lässt sich kaum vorhersagen. Im Moment gebe es „Salat ohne Ende“, aber kaum Gemüse. An anderen Tagen kommen dutzende Paletten mit Fertigprodukten. Weil die Tafel nicht verlässlich sei, könne auch keine Abhängigkeit der Bedürftigen entstehen. „Wir sind nicht kalkulierbar“, sagt Fürhaupter.

Auch wer für die Tafel arbeitet, macht sich Gedanken, was schiefläuft, wenn die gespendeten Lebensmittel auf so große Nachfrage treffen. „Das ist eigentlich ein Armutszeugnis für den Staat“, sagt Christoph Stein. Die Hilfe einzustellen, ist für ihn aber trotzdem keine Option – schon gar nicht, wenn der Bedarf offenbar wächst. Die meisten Ausgabestellen führen lange Wartelisten für Bedürftige und suchen kontinuierlich Verstärkung.

 

Lesen Sie im Interview auf Seite 2: Warum Prof. Stefan Selke die Tafelbewegung kritisch sieht

Tags: Ehrenamt

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