Leben in Köln

Trauerzeit – Auf dem Weg zurück ins Leben

lvp · 20.09.2018

Trauer und Schmerz zulassen

Trauer zuzulassen, ist enorm wichtig, um den Bruch im Selbst zu kitten, den der Tod eines geliebten Menschen hinterlässt. „Mindestens sechs bis zwölf Monate dauert es, bis man es wieder schafft, den Alltag so zu gestalten, wie man möchte. Das heißt nicht, dass man danach nicht mehr trauert. Das tut man, aber man geht wieder seinen eigenen Bedürfnissen nach“, sagt Prof. Dr. med. Arno Deister, Präsident der DGPPN – Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde. Schafft man den Schritt zurück in den Alltag nicht nach zwei Jahren, dann ist womöglich Beratung oder professionelle Hilfe nötig. Warnsignale fürs Steckenbleiben in der Trauer sind beispielsweise unaufhörliches Nachdenken über die Geschehnisse. Oder der Betroffene kapselt sich immerzu ab oder hört nicht auf, den Frühstückstisch für den Verstorbenen mitzudecken.

Vielen Menschen hilft es, aus der Starre herauszukommen, indem sie in irgendeiner Form aktiv werden. „Das können zum Beispiel kleine Rituale sein wie der Gang zum Friedhof, wo man am Grab eine Kerze entzündet“, sagt Trauerbegleiterin Jäckel. Oder man fängt mit dem Malen an.

Durch den Trauerprozess muss jeder selbst durch

Seinen Weg durch den Trauerprozess muss jeder selbst finden, denn verdrängte Trauer holt einen irgendwann ein. Nicht bewältigte Trauerprozesse können sogar einen Krankheitswert annehmen: Körperliche Beschwerden, die mit dem seelischen Schmerz zusammenhängen, treten auf, in schweren Fällen eine Depression oder sogar Sucht. Und sie beeinträchtigen die Fähigkeit, sich wieder neu zu binden. Wobei eine neue Bindung ein sensibles Thema sein kann. Etwa wenn die Witwe sich aus der Sicht des Umfeldes „zu früh“ bindet. Womöglich reagieren Freunde und Verwandte mit Unverständnis. Doch wenn jemand eine neue Partnerschaft eingeht, bedeutet das nicht, dass er nicht mehr trauert und im Inneren keinen Platz für den Verstorbenen hat.

Wenn das Kind vor den Eltern geht

Es macht einen Unterschied, wer wann stirbt. Geht ein junger Mensch, wird besonders die Lebensauffassung der Eltern komplett auf den Kopf gestellt. Denn Kinder sollen als Zukunftsgaranten Mutter und Vater überleben. Der Gedanke, was hätte sein können, spielt weit über die Trauerzeit hinaus eine große Rolle.

Fritz Schramma (71), der ehemalige Kölner Oberbürgermeister, hat 2001 seinen 31 Jahre alten Sohn verloren. Stephan Schramma stand in einer Menschenmenge am Rudolfplatz, als ein Autofahrer hineinraste, der sich mit einem anderen ein Rennen geliefert hatte.

„Nach dem Unglück habe ich mir eine Auszeit von einer Woche genommen. Stephan hätte gewollt, dass ich weitermache. Er hatte mich im Wahlkampf unterstützt, den ich ein halbes Jahr vorher gewonnen hatte.

Die Arbeit hat mich sehr schnell wieder hineingeholt und abgelenkt. Bei einem Termin war ich dann in einer Malschule und habe angefangen, ein Bild zu malen, wie meine Frau, Tochter und ich vor Stephans Leichnam stehen. Alles fließend und mit runden Formen; wir drei um eine Figur herum, den Sohn, der sich nach oben wegbewegt. Als ein Jahr später der Grabstein errichtet werden sollte, wurde dieses Bild in eine Stele eingemeißelt mit dem Schriftzug „mature“. Das ist Lateinisch und bedeutet „zu früh, vor der Reife“. Dieser Stein symbolisiert unsere Familie, die nach dem Tod noch enger zusammengerückt ist.

Stephan ist für uns präsent, wenn auch nicht anwesend. Der Schmerz vergeht nicht einfach so, sondern wir leben mit dem Verlust und den Verlust erlebt man auch immer wieder. Zu Hause hängen ein paar Bilder von ihm. Auf einem hält er als Patenonkel ein Neugeborenes auf dem Arm. Da geht mir immer wieder durch den Kopf, dass er nicht mehr dazu gekommen ist, eine Familie zu gründen. Unser Zusammenhalt in der Familie, mein Glaube und meine Arbeit, auch die ehrenamtliche, haben mir geholfen. Ein Jahr nach seinem Tod haben meine Frau und ich den Verein ‚Kölner Opferhilfe‘ gegründet. Das war in seinem Sinne. Er hatte das Gefühl, die Rechtsprechung würde die Opfer vernachlässigen und sie dadurch ein zweites Mal bestrafen. Genau das haben wir dann selbst im Prozess erlebt, als die Raser mit Bewährungsstrafen davongekommen sind.

Meine Frau und ich gehen ein- bis zweimal die Woche zum Grab. Gemeinsam oder allein. Ich glaube, es ist wichtig, einen Ort zu haben, wo man jemanden sozusagen antrifft. Für mich ist es ein Ort der Erinnerung, aber auch der Kommunikation. Es gibt Situationen, wo ich in mich gehe und mich austausche mit ihm. Wir sind zwar keine Vorzeige-Katholiken, aber doch gläubig. Der Glaube ist intensiver geworden mit der Zeit. Ich stelle mir eine Art des Wiedersehens vor. Wie immer das auch aussehen mag …“

Trauergruppen und Trauerspaziergänge

Linksrheinisch:
Ökumenischer Hospizdienst im Kölner Westen e. V.
Info: Birgitta Lepke-Lehmann, Tel. 0221 / 539 74 52

Rechtsrheinisch:
Ökumenischer Hospizdienst Köln-Dellbrück/Holweide e. V.
Info: Ulrike Lenhart, Tel. 0221 / 16 90 64 88

Viele Gemeinden bieten eigene Trauergruppen an, Auskunft gibt der örtliche Pfarrer.

Eine umfangreiche Liste mit unterschiedlichen, auch nichtkonfessionellen Angeboten findet man beim Erzbistum Köln und auf dem Trauernetz.

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