Leben in Köln

Gestochene Gefühle

phh · 18.04.2019

Margrit Gilles entspricht nicht dem gängigen Bild einer „Tätowierten“. Foto: René Denzer

Margrit Gilles entspricht nicht dem gängigen Bild einer „Tätowierten“. Foto: René Denzer

Wenn es wärmer wird, sieht man sie überall: Tätowierungen. Mal klein und dezent, mal unübersehbar groß und bunt. Und längst sind sie als Ausdrucksform nicht mehr allein einer rebellischen Jugend vorbehalten.

Margrit Gilles ist kein Matrose, obgleich die 70-Jährige in Guatemala, Saudi-Arabien und Australien gelebt hat. Heute bewohnt sie einen geschmackvoll eingerichteten Bungalow in Bergisch Gladbach und blickt auf ein ansonsten durchaus bodenständiges Leben zurück. An den Wänden hängen Bilder und Zeichnungen mit Motiven aus der Ferne. Aus einer guatemaltekischen Tür hat Gilles den Couchtisch fertigen lassen. Ihr Terminkalender ist voll, fast unüberschaubar die Zahl ihrer Interessen. Zwei ihrer engsten Freundinnen nennt sie „ihre Clique“, beide sind jünger, Anfang fünfzig, und tätowiert.

Im vergangenen Sommer entschied Gilles sich, ihr erstes Tattoo stechen zu lassen. Drei zartrosa Blüten prangen seitdem auf ihrem Unterarm, dazu die Anfangsbuchstaben der Namen ihres vor sieben Jahren verstorbenen Mannes und ihrer Tochter sowie M für ihren eigenen. Kurz darauf folgten drei große und drei kleine Sterne auf ihrem Unterschenkel.

Frau zeigt ihren tätowierten Oberarm
Eine Protagonistin der Ausstellung "Trauertattoos - Unsere Haut als Gefühlslandschaft". Foto: Oeft-Geffarth

Gilles, aufgewachsen in Duisburg, kommt aus einem konservativen Elternhaus. Der Vater war Steiger, die Mutter war in einem Autohaus angestellt – ein liebevolles, sicheres Zuhause, sagt sie. Eine Tätowierung freilich war nie vorstellbar. „Früher fand ich das auch nicht schön“, sagt sie. Ihre Freundinnen und die geänderten Zeiten nennt sie, wenn sie den Sinneswandel erklären soll. Ihr Alter war dabei kein Hindernis, im Gegenteil: „In meinem Alter mache ich, was ich will.“ Sie färbt ihre Haare, besucht regelmäßig ihre Kosmetikerin, schminkt sich dezent. „Ich will nicht krampfhaft jünger aussehen“, sagt sie. „Ich mache mir damit eine Freude, damit es mir gut geht.“ Und das gilt auch für ihre tätowierte Haut.

„Früher waren Seemänner und Prostituierte tätowiert. Heute gelten Menschen mit Körpermodifikationen als aufgeweckt, interessiert, als Menschen, die sich zu einer sozialen Gruppe bekennen“, sagt Elmar Brähler, Professor für Psychologie an der Universität Leipzig. Von einer „nachhaltigen Körpermode der Jüngeren“ spricht Ada Borkenhagen. Die Psychologin hat mit Brähler eine Studie durchgeführt. Das Ergebnis: Der Anteil tätowierter älterer Menschen steigt. Aber nicht, weil sich immer mehr Ältere tätowieren lassen. Die Tätowierten sind vielmehr einfach älter geworden.

Die Heimat auf der Haut

Im Tätowierstudio von Helena Chataline sitzt Dieter Steimel seit drei Stunden auf einem Liegesessel, den linken Arm auf ein Polster gestreckt (siehe rechts, Foto: Philipp Haaser). Frau tätowiert den Arm eines Mannes Er ist 58 Jahre alt, Briefträger, stolzer Harley-Besitzer, und lässt sich von Chataline „ein ganz normales Tattoo in Schwarz“ stechen: ein stilisiertes Panorama seiner Heimatstadt mit dem Rhein und dem Schriftzug „Colonia“. „Warum nicht? Früher war das ja verpönt“, sagt Steimel gut gelaunt auf die Frage nach dem Grund. Seine Frau sei nicht begeistert gewesen, gibt er zu. „Denk dran, das trägst du den Rest deines Lebens mit dir rum“, habe sie ihm zu bedenken gegeben.

Aber Tattoos seien „absolut salonfähig“, findet er. Seine Mutter ist vor zwei Jahren verstorben. Sie wäre nicht einverstanden gewesen, ist er sicher. Eigentlich wollte er schon lange eine Tätowierung. Nicht zuletzt aus Rücksicht auf sie habe er damit aber gewartet. „Ich will meine Stadt dabei haben“, sagt er und zeigt auf die Kirche Groß Sankt Martin, deren Umrisse Chataline auf seine Haut vorgezeichnet hat. „Im Schatten der Kirche hatte meine Oma einen Lebensmittelladen. In dem habe ich als Kind viel Zeit verbracht.“ Sein Finger wandert über die Zeichnung. „Sonntagmorgens haben wir die Messe im Dom besucht und danach am Rhein die Möwen mit Brotkrumen gefüttert. Das gehört einfach zu mir.“ Die Iesebahnbröck – er meint die Hohenzollernbrücke – habe ihn schon immer fasziniert. Jetzt wohnen sie „im Schatten des Colonius“.

Chataline, die das Tätowieren während des Studiums in Sankt Petersburg gelernt hat, sticht mit der automatischen Nadel die Farbpigmente entlang der Vorzeichnung unter seine Haut. Schmerzhaft sei das nicht, sagt Steimel. Nach einigen Stunden brenne es aber ein wenig. „Er hat Glück, dass er Frauenhaut hat“, sagt Chataline, „weich und zart.“ Grundsätzlich sei ältere Haut nicht schwerer zu bearbeiten. Schwierig sei vor allem trockene Haut, in jedem Alter.

Bilder wider das Vergessen

Nach den Gründen für Tätowierungen befragt, nennt Psychologin Borkenhagen einige Anhaltspunkte, die in Studien erhoben wurden. Da ist zum einen der Wunsch, den Körper zu schmücken. Zum anderen übernehmen Tattoos eine Funktion als „Lebensbilderbuch“. Dann bestimmen vor allem Erinnerungen, sei es an Menschen oder Ereignisse, Erfahrungen oder Wünsche für das zukünftige Leben die Hinwendung zu einem Tattoo. Welche Funktion in welchem Alter im Vordergrund steht, ist nicht erforscht.

Mann mit geschlossenen Augen und tätowiertem UnterarmSo erzählt auch die stilisierte Frauensilhouette mit Flügel auf dem Unterarm von Stephanie Weinen eine ganz persönliche Geschichte. Die Form ist so ausgerichtet, dass sie vor allem für sie selbst gut zu erkennen ist. Sie erinnert an ein „J“ und steht für den Vornamen ihrer Tochter, die im Februar 2016 starb, im Alter von zwanzig Jahren. Die Ursache blieb ungeklärt. Nach einem halben Jahr ging sie zu einem Tätowierer, den ihr eine Freundin ihrer Tochter empfohlen hatte. Nach Weinens Vorstellungen entwickelte er das Motiv und stach es unter die Haut, direkt über den Pulsadern.

„Was bleibt, ist die Liebe, so wie mein Herzschlag“, erläutert sie die Bedeutung. Das Tattoo habe ihr geholfen, einen Ausdruck zu finden für ihre „neue Art in der Welt zu sein“. Es sei ganz einfach da. „Es gehört zu mir, so wie es zu meinem Leben gehört, jeden Tag wach zu werden mit dem Gefühl, dass mein Kind gestorben ist. Aber auch mit dem Gefühl, dass ich lebe.“ Und sie habe sich dadurch wieder als Handelnde begriffen.

„Die Haut als Gefühlslandschaft“ – so lautete auch der Titel einer Ausstellung 2018 in einem Bickendorfer Bestattungshaus. Die Trauerbegleiterin Katrin Hartwig und die Fotografin Stefanie Oeft-Geffarth haben solche Tätowierungen festgehalten. Sie zeigen intime Bilder von Trauernden mit ihren Tattoos, dazu kurze Texte, die das fast Unsagbare in Worte fassen. „Zeigen, wer man ist, in einer Zeit, in der man über alles spricht, aber nicht über das Innerste“, sagte Oliver Wirthmann vom Kuratorium Deutsche Bestattungskultur e. V. bei der Ausstellungseröffnung.

Nackter Rücken einer Frau mit Tätowierung
Eine Protagonistin der Ausstellung "Trauertattoos - Unsere Haut als Gefühlslandschaft". Foto: Oeft-Geffarth

 

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