Leben in Köln

Luftverschmutzung in der Stadt

lvp · 13.07.2018

Foto: LANUV

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Wo viel Verkehr rollt, sind Schadstoffe in der Luft. Lunge, Herz und Kreislauf werden belastet. Was genau atmen wir ein und ab wann ist es schädlich?

Atmen passiert ganz automatisch. Ungefähr 20.000 Mal täglich atmet jeder Erwachsene einen halben Liter Luft ein. Dabei geraten jedes Mal auch winzige, schwebende Partikel von Ruß, Abgasen, Pollen und Sand in die Lunge. Und davon in Großstädten mehr, als gesund ist – leider auch in Köln. Besonders an stark befahrenen Straßen ist die Belastung groß. Anwohner wie Andreas Wulf sind besorgt. Wulf wohnt in der Heidekaul-Siedlung, unmittelbar an der Bonner Straße in der Nähe des Verteilerkreises. Das bedeutet rollende Blechlawinen und kilometerlange Staus; stehende Autos und Lkw mit laufendem Motor.

Am schlimmsten sei es zu den Hauptverkehrszeiten, erzählt Wulf. Sogar in seinen eigenen vier Wänden fühlt er sich nicht immer wohl: „Wenn man lüftet, riecht die ganze Wohnung nach Abgasen“, empört er sich. Kein gutes Anzeichen, denn: „Normalerweise riecht man belastete Luft nicht“, erklärt der Klimaforscher Prof. Andreas Wahner vom Forschungsinstitut Jülich. „Nur in wirklich extremen Fällen riecht man sie – oder schmeckt sie sogar.“ Vor 30, 40 Jahren dagegen war schon eher klar, wo „dicke“ Luft war: Da es noch keine Katalysatoren gab, hing an mehr oder minder jedem Auspuff eine dunkle Rußwolke. In den vergangenen Jahren ist die Luftqualität zwar besser geworden, aber gut ist sie noch lange nicht.

Was verschmutzt die Luft?

Luft besteht aus mehreren chemischen Verbindungen. Hauptsächlich aus Stickstoff (N2) und dem für Menschen überlebenswichtigen Sauerstoff (O2). Zu einem ganz geringen Teil sind auch Kohlenstoffdioxid (CO2) und Spuren anderer Gase darunter. Wird dieses natürliche Gleichgewicht gestört, ist von Luftverschmutzung die Rede. Für die Weltgesundheitsorganisation (WHO) liegt Verschmutzung immer dann vor, wenn „die Außenluft Stoffe in Konzentrationen enthält, die für den Menschen und seine Umwelt schädlich sind“. Verursacher von Ruß, Rauch, Dämpfen, Feinstaub und Abgasen sind Heizungen, Öfen, Industrie und in Ballungsräumen vor allem der Straßenverkehr. Dessen größte Gefahren sind der Feinstaub (PM10) und Stickoxide (NOx), wobei Stickstoffdioxid (NO2) von allen das gefährlichste Gas ist.

Feinstaub auf der Straße bildet sich hauptsächlich durch Abrieb von Kupplungen, Bremsbelägen und Reifen, nicht durch Dieselmotoren. Seine Partikel sind winzig klein. Die größten davon haben einen Durchmesser von 10 Mikrometern. Das sind 0,001 Zentimeter. Also ungefähr ein Zehntel des Durchmessers eines Haares: fürs bloße Auge unsichtbar.

Schadstoffe machen krank

Werden Feinstaubpartikel eingeatmet, kann das Auswirkungen auf die Gesundheit haben. „Die Folge können gereizte Schleimhäute, Entzündungen in der Luftröhre und verengte Bronchien sein. Dieser Entzündungszustand kann chronifizieren und damit das Risiko für Herz- und Hirninfarkte erhöhen“, weiß Dr. Andreas Schlesinger, Chefarzt der Klinik für Innere Medizin und Pneumologie am St. Marien- Hospital in Köln.

Auch Stickstoffdioxid, das im Sommer mitverantwortlich für den Ozonanstieg ist, greift die Schleimhäute an und reizt die Atemwege. Akut verursacht zu viel Stickstoffdioxid Hustenreiz oder sogar Atemnot. Langfristig kann es zu Asthma, chronischer Bronchitis und Herz-Kreislauf-Erkrankungen führen. „Vor allem Kinder, deren Lungen sich noch entwickeln, ältere Menschen, deren Abwehrkräfte nicht mehr so gut sind, und Asthmatiker leiden unter der Luftverschmutzung“, erläutert Mediziner Schlesinger.

Stickstoffdioxid-Belastung bereitet große Probleme

Damit die Atemluft nicht krank macht, gibt es Grenzwerte. Im europäischen Raum gelten für Feinstaub und für Stickstoffdioxid die EU-Grenzwerte. Aber: Die WHO setzt aufgrund anderer Studienergebnisse deutlich niedrigere Werte an als die EU. Der Klimaforscher Andreas Wahrer vom Forschungszentrum Jülich betrachtet die unterschiedlichen Werte ganz pragmatisch: „Wenn die Grenzwerte zu niedrig angesetzt werden, ist es illusorisch, dass die Städte sie überhaupt erreichen. Deshalb ist es gut, die EU-Werte zu haben, um langfristig die WHO-Grenzwerte anzustreben.“ Schließlich vermindere jede Verbesserung die negativen gesundheitlichen Effekte, „und das will man schließlich erreichen“.

Köln hat seit nunmehr zehn Jahren einen Luftreinhalteplan. Bei Feinstaub werden die Vorgaben inzwischen erreicht, wie überall in NRW. Das heißt, der Grenzwert von 50 Mikrogramm wird nicht häufiger als 35 Mal im Jahr überschritten.

Doch das große Problem ist die Stickstoffdioxid-Belastung, als deren Hauptverursacher Dieselfahrzeuge gelten. In Köln wie in anderen Großstädten werden die EU-Grenzwerte trotz Ausweitung der Umweltzone und grüner Plakette regelmäßig überschritten. Im vergangenen Jahr hat das Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz Nordrhein-Westfalen (LANUV) am Clevischen Ring in Mülheim wieder den NRW-weit höchsten Stickstoffdioxid-Jahreswert gemessen: 62 Mikrogramm pro Kubikmeter. Zum Vergleich: Der EU-Grenzwert liegt bei 40 Mikrogramm im Jahresmittel. Die EU verlangt von der Bundesrepublik Deutschland, dass sich die Luftqualität bis zum Jahr 2020 auf einem akzeptablen Niveau einpendeln muss. Wird die Frist nicht eingehalten, drohen Klagen durch die EU.

Generelles Fahrverbot allein würde nicht reichen

Was kann die Stadt tun? Ein von der Stadt beauftragtes Gutachten der Firma Aviso kam zu dem Schluss, dass in der Domstadt derzeit sogar ein generelles Fahrverbot für Dieselfahrzeuge nicht ausreichen würde, um die EU-Grenzwerte überall einzuhalten. Deshalb hat die Stadt nun ein ganzes Maßnahmenbündel auf den Weg gebracht; mehr als 50 Punkte. Unter anderem werden mehr Elektrobusse gekauft und E-Tankstellen gebaut. Mit dem Strategiepapier „Köln mobil 2025“ sollen der öffentliche Nahverkehr und das Radwegenetz ausgebaut werden. Doch Bürgern wie Andreas Wulf geht das nicht schnell genug. Wulf ist Sprecher der Anwohner- Initiative „Colonia Elf“, die privat die Luft an der Bonner und Brühler Straße misst. „Die Geräte sind zwar nicht geeicht wie die des LANUV, aber die Tendenz ist klar“, sagt Wulf: „Häufig werden die Grenzwerte überschritten.“ Solange sich die Verkehrssituation nicht entspannt, lässt er die Fenster in seiner Wohnung zu bestimmten Zeiten lieber zu.

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