Leben in Köln

„Kunst hilft geben“ – Ein Haus für Obdachlose

phh · 28.09.2018

Foto: Philipp Haaser

Foto: Philipp Haaser

Ein Gerhard Richter für die Obdachlosen: um den Bau eines Hauses für Menschen ohne Wohnung zu finanzieren, hat ein Verein einen ungewöhnlichen Weg gefunden. Mit Erfolg.

Dirk Kästel hat einen Traum und der ist recht konkret: Er will ein Haus bauen für Menschen, die auf der Straße leben und dringend eine Wohnung brauchen. Kästel sammelt deshalb mit seinem Verein „Kunst hilft geben“ Geld. Einen Namen für das Haus hat er schon: „Casa Colonia“. Ein erster Architektenentwurf ist fertig. Und auf dem Konto des Vereins liegt tatsächlich schon genug Eigenkapital, um mit den Banken erste Gespräche über die Finanzierung zu führen. Die komfortable Ausgangsposition verdankt der Verein Künstlern wie Markus Lüpertz, Gerhard Richter, Oliver Jordan, HA Schult, Klaus Staeck, Christo, Harald Naegeli, Otmar Alt, einigen Kunstsammlern und vielen kunstbegeisterten Kölnerinnen und Kölnern.

Kästel, der bei einer Kölner Wohnungsbaugesellschaft angestellt ist, organisiert in seiner Freizeit Ausstellungen. „Wir haben einen Riesenfundus“, sagt er. Bilder daraus und von den Künstlern gestiftete Neuzugänge zeigen Kästel und seine Mitstreiter mal in einer Anwaltskanzlei im Rheinauhafen, mal in Räumen der Industrie- und Handelskammer (IHK) und immer wieder in der Kulturkirche Ost in Buchforst. Wird eines der Werke verkauft, fließt der Betrag auf das Vereinskonto. Die meisten der durchweg namhaften Künstler lassen es sich auch nicht nehmen, persönlich zu den Eröffnungen anzureisen.

Kästel ist vielleicht nicht unbedingt der Typ, den man der Kunstbranche zurechnen oder auf Benefiz- Veranstaltungen erwarten würde. Vielleicht ist er aber genau deshalb so überzeugend. Dass sein Traum tatsächlich Wirklichkeit werden kann, wurde ihm klar, als er im November 2013 das erste Bild von Gerhard Richter bekam: „55.000 Euro haben wir damit reinbekommen. Das war ein enormer Schub“, erinnert er sich an den entscheidenden Moment kurz nach der Gründung des Vereins.

Menschenwürdige Wohnungen mitten im Veedel

Die „Casa Colonia“ soll freilich keine Notunterkunft werden. Sechzehn Wohnungen werden dort entstehen, dazu ein Kunst- Café, in dem Menschen mit Behinderung arbeiten, später vielleicht ein angegliedertes Hostel, Wohnungen für Menschen, denen die Obdachlosigkeit droht, Flüchtlinge und Geringverdiener. „Wir wollen Wohnungen schaffen, die tatsächlich menschenwürdig sind“, sagt Kästel, der weiß, wie grausam der Kölner Wohnungsmarkt sein kann. Es fehlt aber noch ein geeignetes und bezahlbares Grundstück. „Wir wollen sichtbar sein“, betont Kästel. Das Haus soll nicht in den Außenbezirken stehen, eher in Mülheim oder in der Südstadt. Und er hat noch ein Anliegen. Nicht nur räumlich, sondern auch thematisch sollen Obdachlose stärker in das Zentrum der Stadtgesellschaft rücken. Kästel half deshalb auch Richard Brox, ein Buch über sein Leben zu veröffentlichen, das zum Bestseller wurde. Brox, Jahrgang 1964, hatte seit Mitte der 80er Jahre Jahrzehnte auf der Straße verbracht. „Brox legt in seinem Buch dar, dass Leute wie er eben nicht selber schuld an ihrer Lage sind“, sagt Kästel.

Wohnungslosigkeit kann jeden treffen

Auch wer nicht zu denen gehört, die die Gescheiterten selbst für ihr Schicksal verantwortlich machen, mag sich nicht immer darüber bewusst sein, wie schnell Menschen in die Wohnungslosigkeit abrutschen können. Kästel weiß das aus eigener, bitterer Erfahrung. Sein Bruder starb 1993 – viel zu früh. Er war jung, hatte Probleme mit Drogen und war – was Kästel nicht mitbekommen hatte – ohne eigene Wohnung. „Manchen merkt man es nicht an“, sagt er. Bis heute bereut er, dass er selbst in der Zeit „beruflich zu sehr eingespannt“ war, um die Notlage seines Bruders zu erkennen.

Sein Versäumnis ist ihm ein Ansporn. Und doch weiß Kästel um die Grenzen seiner Bemühungen. Der Verein mit seinem überschaubaren Vorhaben wird wohl kaum die Wohnungsprobleme in der Stadt lösen. „Es müsste sicher mehr getan werden“, sagt Kästel. Er hofft aber, dass das fertige Haus als Vorbild funktioniert: „Wenn wir das schaffen, dann können das andere doch auch.“

Kunst hilft geben für Arme und Wohnungslose in Köln e. V.
c/o Johanneshaus
Annostr. 11, 50678 Köln
Info: 0162 / 233 67 01, Dirk Kästel.

Ausstellung: Millionen-Allee Melaten
Der Fotograf Gerhard Prasser stellt vom 5. bis 16. Oktober Fotos zu den letzten Ruhestätten bekannter und einflussreicher Kölner aus und verkauft sie zu Gunsten von „Kunst hilft geben“. Eintritt frei. Geöffnet Donnerstag bis Samstag, 17 bis 20 Uhr.

Vernissage am 4. Oktober, 20 Uhr. Info: 0221 / 20 11-2 42. Kulturkirche Ost, Kopernikusstr. 34

Bei Charity Art Cologne werden mehr als 100 Werke ab 100 Euro angeboten, darunter ein Beuys, ein Druck von Salvador Dalí und ein von Andy Warhol handsigniertes Ausstellungsplakat.

Exklusive Führung für KölnerLeben-Leser
Am Sonntag, 7. Oktober um 15 Uhr führt Dirk Kästel durch die Ausstellung. Keine Anmeldung erforderlich.

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