Leben in Köln

Gewalt in der häuslichen Pflege

dk · 04.05.2018

„Schlimm, dass ich andere Menschen um Hilfe bitten muss, denn sie sind oft unfreundlich.“

– Mensch mit Pflegebedarf

Illustration: Christian Barthold

Gewaltursachen in der Beziehungsgeschichte

Doch nicht immer sind krankheitsbedingte Persönlichkeitsveränderungen Ursache für Gewalt. „Häufig gibt es eine lange Vorgeschichte“, betont Peter Häussermann. Erlittene Kränkungen, Enttäuschungen, psychische und auch körperliche Verletzungen brechen dann Jahre und Jahrzehnte später auf. Wenn sich Kräfteverhältnisse ändern, komme es durchaus vor, dass sich Menschen für vorausgegangene Gewalt rächen. Wie die Tochter, die in ihrer Kindheit keine Nähe und Zärtlichkeit vom Vater gefühlt hat und sich in der Pflegesituation als die allein Gebende emotional ausgezehrt fühlt. Oder die von ihrem Mann bevormundete Ehefrau, die sich nun in der Rolle als Bestimmerin wiederfindet. Er dagegen muss sich plötzlich fügen.

„Oft stecken Pflegende auch in einem Dilemma: Einerseits wollen sie ihre Angehörigen gut versorgen, andererseits kann der Widerstand zum Beispiel gegen das Zähneputzen so massiv sein, dass Pflegende sich nicht anders zu helfen wissen“, sagt der Mediziner. Martina Böhmer von der Beratungsstelle Paula kennt dieses Problem: „Es gibt Fälle, bei denen es vor allem um Macht und Kontrolle über den pflegenden Angehörigen geht – und das sind meist Frauen.“ Manche Pflegebedürftige müssten etwa immer ausgerechnet dann auf die Toilette, wenn die Ehefrau einkaufen oder sich mit anderen Menschen treffen will. Auch solche subtilen Formen von Gewalt machten den Betroffenen mitunter schwer zu schaffen.

Soziale Isolation verschärft das Problem

Häusliche Pflege ändert das bisherige Leben von Grund auf, stellt es auf den Kopf. Man muss sich von Lebensentwürfen, Planungen und Träumen verabschieden. Pflege verändert den Alltag, täglich und für alle Beteiligten. Pflegebedürftige sind auf die Hilfe und Unterstützung anderer angewiesen, ein selbstbestimmtes Leben sieht anders aus. Pflegende Angehörige wissen oft nicht, was zeitlich, kräftemäßig und emotional auf sie zukommt. Ohne darauf vorbereitet zu sein, übernehmen vor allem Ehefrauen, Töchter und Schwiegertöchter die Pflege, zunehmend auch Söhne und Ehemänner. Und das für einen unvorhersehbaren Zeitraum. Die durchschnittliche Zeitspanne der häuslichen Pflege beträgt zehn Jahre. Mit zunehmender Pflegedauer und steigendem Alter schwinden dann auch noch die Kräfte – Pflege geht an die Substanz. Wenn die Nerven blankliegen, kann das Wort entgleisen oder die Hand ausrutschen … ein für alle Beteiligten schmerzhafter Prozess.

„Hast Du schon wieder Pipi in der Hose?“

– Angehörige

Illustration: Christian Barthold

Hilfe suchen, Angebote wahrnehmen

Selbst wenn die Situation für beide Seiten sehr belastend oder sogar unerträglich wird, fällt es vielen Menschen schwer, eine Lösung zu finden, die für beide Seiten hilfreich und entlastend ist. Allgemeingültige Empfehlungen, wie mit Gewalt in der Pflege umzugehen ist, können die Experten nicht geben. Zu verschieden sind dafür die einzelnen Fälle. Wichtig sei jedoch, überhaupt über das Thema zu sprechen. Das gelte gleichermaßen für Pflegende wie Pflegebedürftige. Nur so verstünden die Betroffenen, „dass sie nicht allein sind, sich abgrenzen dürfen, nicht alles selbst tun oder hinnehmen müssen“, sagt Martina Böhmer vom Verein Paula.

So war es auch im Fall von Frau W. Sie konnte sich zum ersten Mal eingestehen, dass sie ihren Mann eigentlich nicht pflegen will. „Im Verlauf der Gespräche kamen dann viele schmerzhafte Erfahrungen ans Licht“, sagt Böhmer. Ihre Klientin habe fünfzig Jahre lang häusliche Gewalt erlebt – und dank der unterstützenden Beratung für sich die Lösung gefunden, die Pflege ihres Mannes einer Alteneinrichtung zu überlassen.

KölnerLeben hat für Sie wichtige Adressen zusammengetragen. Wenn Sie auch jemanden häuslich pflegen oder gepflegt werden und Ihnen die im Text beschriebenen Situationen bekannt vorkommen, zögern Sie nicht, sich Hilfe zu suchen! Wenn Sie in der Nachbarschaft oder im Bekanntenkreis entsprechende Beobachtungen gemacht haben, werden Sie ebenfalls tätig!

Wenden Sie sich an das Hilfetelefon der Stadt Köln: Tel. 0221 / 221-2 44 44 (Mo–Fr 7–19 Uhr).
Besorgte Bürger können hier Menschen, die einen verwirrten, vereinsamten, vernachlässigten oder bereits verwahrlosten Eindruck machen, melden. Die Hotline leitet Sie an die zuständigen „Kümmerer“ weiter. Innerhalb von fünf Tagen wird vor Ort überprüft, ob Hilfe nötig ist.

Polizei: 110,
wenn Sie strafbare oder kriminelle Handlungen melden wollen.

www.pflege-gewalt.de
Das Internetportal „Gewaltprävention in der Pflege“ des Zentrums für Qualität in der Pflege informiert über Formen von Gewalt, Warnsignale und Vermeidungsstrategien und gibt Betroffenen konkrete Tipps zum Verhalten bei Gewaltsituationen. Neben einer Übersicht zu bundesweiten Krisen- und Notruftelefonen wird auch immer die Rufnummer der aktuell erreichbaren Anlaufstelle für akute Krisensituationen angezeigt.

Seniorenberatung: Tel. 0221 / 221-0
Sie berät vertraulich zu allen Themen rund um Pflege und finanzielle Hilfen. Sie vermittelt Hilfen in Pflege und Haushalt. Die Beratung ist kostenlos und in jedem Bezirksrathaus zu finden; bei Bedarf werden Sie auch zu Hause beraten!

Beratungstelefon für Senioren und Menschen mit Behinderung: Tel. 0221 / 221-2 74 00
Hier erhalten Sie telefonische Beratung, an wen Sie sich mit welchem Anliegen zu den Themen Pflege, Wohnen, finanzielle Hilfen wenden können. Es steht eine umfangreiche Adressdatenbank zur Verfügung, die auch online abrufbar ist unter www.stadt-koeln.de/beratungstelefon

Sorgentelefon für pflegende Angehörige: 02206 / 809 40
Bei der Fachstelle für pflegende Angehörige beim Caritasverband finden Sie ein offenes Ohr für alle persönlichen Fragen, Sorgen und Probleme.

Kontaktbüro Pflegeselbsthilfe: Tel. 0221 / 95 15 42-33 (Mi 10–12 Uhr)
Hier finden Sie zahlreiche Selbsthilfegruppen pflegender Menschen, denn sich mit anderen Betroffenen auszutauschen, kann schon sehr entlasten! E-Mail: pflegeselbsthilfe-koeln@paritaet-nrw.org

Beratungsstelle Paula e. V.: Tel. 0221 / 96 67 64 22 (Mo 10–12, Mi 15–17 Uhr)
Hierhin können sich Frauen ab sechzig Jahren mit Gewalterfahrung jeglicher Art und ihre Angehörigen wenden. Sie erhalten vielfältige Beratungs-, Therapie- und Kontaktangebote. www.paula-ev-koeln.de

Die Adressen und Telefonnummern aller Beratungsstellen und weitere Angebote finden Sie im „Wegweiser – Gut informiert älter werden“, einer Sonderausgabe von KölnerLeben. Er liegt in allen Bezirksrathäusern aus oder kann unter Tel. 0221 / 221-2 75 08 bestellt werden. Auch online zu lesen: Hier klicken für die Online-Ausgabe des Wegweisers.

Weitere Informationen zur allgemeinen Pflegesituation finden Sie auf KölnerLeben im Kölner Pflegereport.

Tags: Pflege

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