Leben in Köln

Gewalt in der häuslichen Pflege

dk · 04.05.2018

„Ich bin so überlastet ... Ich wusste gar nicht, dass ich so hassen kann.“ – Angehörige. Illustration: Christian Barthold

„Ich bin so überlastet ... Ich wusste gar nicht, dass ich so hassen kann.“ – Angehörige. Illustration: Christian Barthold

Überforderung, Erkrankungen, langjährige Beziehungskonflikte: Ursachen für Gewalt in der häuslichen Pflege sind vielfältig. Auch wie sie sich äußert, unterscheidet sich von Fall zu Fall. Das Traurige daran: Sie beginnt oft kaum merklich und ungewollt.

Schon seit vielen Jahren pflegt Jutta W. (Name geändert), 70, ihren an Demenz erkrankten Ehemann. Doch manchmal habe sie dazu einfach keine Lust, gibt sie zu. Dann wasche sie ihn einen, vielleicht auch zwei Tage lang nicht. Die Pflege wird für sie zunehmend zur Belastung. Deshalb wandte sie sich an Martina Böhmer. Sie leitet den Kölner Verein Paula, wo ältere Frauen Unterstützung bei unterschiedlichsten Themen finden. Auch wegen Gewalterfahrungen in der Pflege kommen Betroffene zu ihr und besprechen ihre Situation einzeln oder in der Gruppe. „Ältere Frauen fühlen sich häufig verpflichtet, ihre Ehemänner so lang wie möglich zu pflegen, gemäß dem Eheversprechen ‚in guten wie in schlechten Zeiten‘ “, sagt Böhmer. In ihren Beratungen versuche sie zunächst, den Frauen zu mehr Spielraum zu verhelfen. Manchmal genüge dazu eine einfache Frage, etwa: „Möchten Sie Ihren Mann denn überhaupt pflegen?“, erläutert Böhmer.

Kaum Daten, hohe Dunkelziffer

In Köln werden 23.000 Pflegebedürftige zuhause gepflegt, davon 16.000 Menschen alleine von den Angehörigen. Dass es dabei zu Gewalt kommen kann, ist ein Tabuthema. Wie häufig Gewalt in der Pflege auftritt, ist nicht bekannt. Verlässliche wissenschaftliche Daten gibt es dazu kaum. Das Zentrum für Qualität in der Pflege (ZQP) hat 2017 eine bundesweite Umfrage zum Thema Gewalt und Aggression in der häuslichen Pflege durchgeführt. Dabei gaben 35 Prozent der Personen mit Pflegeerfahrung zu, sich schon mindestens einmal unangemessen bei der Pflege verhalten zu haben. Von 6 Prozent der Befragten wurden hierbei körperliche Aggressionen genannt, 79 Prozent gaben an, unangemessene Dinge gesagt zu haben. 26 Prozent berichteten davon, schon einmal erforderliche Hilfen oder Aufmerksamkeit entzogen zu haben. Experten gehen bei der häuslichen Pflege in 20 bis 50 Prozent der Fälle von Misshandlungen und Übergriffen aus – vermuten aber stets eine hohe Dunkelziffer, da viele Fälle aus Scham und Angst erst gar nicht bekannt werden.

„Du machst nichts richtig. Immer muss ich auf Dich warten. Du warst schon als Kind unzuverlässig.“

– Mensch mit Pflegebedarf

Illustration: Christian Barthold

Gewalt hat viele Gesichter

Dass Gewalt in der Pflege mit vielen Tabus verbunden ist, bestätigt Peter Häussermann, Chefarzt für Gerontopsychiatrie und -psychotherapie der LVR-Fachklinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Merheim. „Und wenn doch einmal darüber gesprochen wird, dann meist mit der Vorstellung, dass die Gewalt ausschließlich von Pflegekräften oder pflegenden Angehörigen ausgeht“, sagt Häussermann. Natürlich gebe es in der Pflege kriminelles Verhalten wie Diebstahl, Betrug oder körperliche Misshandlungen. „Dass aber auch Pflegebedürftige gewalttätig werden können, ist für viele kaum vorstellbar.“ Verbreitet sei die Annahme, dass es sich bei Gewalt gegen Pflegende ausschließlich um Pflegefehler handle, sagt der Mediziner. Dies sei aber keineswegs immer der Fall, betont er. Laut ZQP-Umfrage fühlten sich zwei Fünftel (40 Prozent) der Befragten unangemessen von einer pflegebedürftigen Person behandelt.

Gewalt äußere sich, so Häussermann, auf beiden Seiten auf vielfältige Weise: herabwürdigendes Verhalten, verletzende, beleidigende Worte, Drohungen, Demütigungen oder das Ignorieren von Bedürfnissen; dann wieder sperren Angehörige ihre hilfsbedürftigen Ehepartner oder Eltern ein, vernachlässigen sie beim Waschen oder enthalten ihnen Nahrung oder Medikamente vor. Auch körperliche Übergriffe wie Schlagen oder Schütteln sind Ausdrucksformen von Gewalt, ebenso das Fixieren am Bett oder Stuhl. Umgekehrt setzen manche Hilfsbedürftige Machtmittel ein, beißen, kratzen oder kneifen, verweigern das Essen und Trinken, lassen sich nicht pflegen, werten Angehörige und Pflegepersonal verbal ab oder koten auch gezielt ein.

Die Betroffenen – Pflegende und Hilfsbedürftige – geraten so nicht selten in eine Gewaltspirale, in der das Verhalten des einen zu Reaktionen des anderen führt. Die Aggression schaukelt sich auf und wird mit der Zeit intensiver. Pflegende und Gepflegte werden wechselseitig gewalttätig. Die üblichen Opfer-Täter- Begriffe verschwimmen. In der Pflegesituation können diese Rollen stündlich wechseln.

Mitunter sei aggressives Verhalten aber auch eine Folge von Erkrankungen, etwa bei Demenz, erklärt Mediziner Häussermann. Auch Phasen von Hypersexualität könnten auftreten. „Da kommt es vor, dass Pflegebedürftige sich im unpassenden Moment selbst befriedigen, Pflegende intim berühren oder auch Sex von ihnen verlangen“, sagt der Arzt.

Tags: Pflege

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