Leben in Köln

Die begehbaren Denkmäler von Gunter Demnig

dk · 05.01.2019

Dieser Stolperstein im Pflaster der Maria-Hilf-Straße ist Alice Scheyer, geborene Friedmann gewidmet. Foto: David Korsten

Dieser Stolperstein im Pflaster der Maria-Hilf-Straße ist Alice Scheyer, geborene Friedmann gewidmet. Foto: David Korsten

Seit fast 20 Jahren erinnern die „Stolpersteine“ des Künstlers Gunter Demnig in Köln und ganz Europa an das Schicksal vom Nationalsozialismus verfolgter Menschen.

„Hier wohnte Alice Scheyer, geborene Friedmann, Jahrgang 1884, deportiert 1941, Lodz, ermordet“ – es ist ein Name, der nicht vergessen werden soll, mit Eckdaten, die ein Leben umreißen. Erzählt von einem golden glänzenden, 10 x 10 Zentimeter großen Stein im Pflaster der Maria-Hilf-Straße. Ein paar Meter weiter in der Südstadt zeugen zwei weitere Messingquadrate von Johanna und Max Bruckmann, ebenfalls nach Lodz verschleppt, Todesursache unbekannt. Drei von inzwischen mehr als 2.000 „Stolpersteinen“ im Kölner Stadtgebiet, mit denen der Künstler Gunter Demnig (Foto unten: Karin Richert) seit dem Jahr 2000 an die Opfer des Nationalsozialismus erinnert.

Von der Idee zur Umsetzung

Die Idee der „begehbaren Denkmäler“ entstand 1993: In einem Buch beschrieb Demnig sein Vorhaben, sechs Millionen Stolpersteine in Europa zu verlegen, um an die etwa sechs Millionen Juden, die die Nationalsozialisten ermordet haben, zu erinnern. „Ich hatte das zunächst als theoretisches Konzept entwickelt, konnte mir aber schon damals vorstellen, das auch umzusetzen“, erzählt Gunter Demnig.

Das Projekt kam in Gang, als Pfarrer Kurt Pick von der Antoniter-Gemeinde in Köln ihm riet, erstmal klein anzufangen, um ein Zeichen zu setzen. 1994 zeigte eine Ausstellung in der Antoniterkirche die ersten 250 Stolpersteine. Demnig beantragte bei der Stadt die Genehmigung, die Steine auf den Gehwegen verlegen zu dürfen. Die ließ allerdings auf sich warten.

1997 ermunterte ihn der damalige Direktor des Kölnischen Stadtmuseums, Werner Schäfke, zu einem neuen Anlauf. „Die Stadt hat zwar nicht gemauert, aber alles ging sehr zäh“, erinnert sich Demnig. Bis er mit dem Verlegen beginnen konnte, mussten viele Instanzen zustimmen, angefangen vom Kunstbeirat und Kulturausschuss über das Stadtplanungsamt bis hin zum Rat der Stadt. Der genehmigte das Projekt schließlich im April 2000.

Hausbewohner auf Spurensuche

Inzwischen sind bundesweit an etwa 1.300 Orten Stolpersteine verlegt, insgesamt sind es bereits rund 70.000 in 24 europäischen Ländern. Bei den Recherchen der einzelnen Schicksale helfen verschiedene Institutionen: Museen, Geschichtsvereine und -werkstätten, Stadtarchive, Synagogengemeinden. In Köln unterstützt vor allem das NS-Dokumentationszentrum. Es erstellte auch eine Datenbank, mit der Interessierte alle in Köln verlegten Stolpersteine abrufen können.

Für manchen Hausbewohner sind die Messingdenkmäler im Miniaturformat Anlass, um selbst auf Spurensuche zu gehen. Die Journalistin Ingrid Müller-Münch zum Beispiel recherchierte zu ihrem Wohnhaus, vor dem sich gleich acht Stolpersteine finden. Das Haus, erfuhr sie, war einst ein „Judenhaus“. So nannten die Nationalsozialisten Häuser, in denen Juden auf engstem Raum auf ihre Deportation warteten, während in den Nachbarhäusern das Leben weiterging.

Für Michael Vieten waren es zunächst nicht die drei Stolpersteine vor seinem Haus, die ihn neugierig machten. Als der Sozialpädagoge in eine Wohngemeinschaft in der Ehrenstraße zog, erwähnte eine Nachbarin, dass sich in der Wohnung einmal jemand erschossen habe. „Dieser Satz hat mich nicht mehr losgelassen“, sagt Vieten.

Nach und nach ermittelte er das Schicksal der jüdischen Unternehmerfamilie Katz-Rosenthal, die bis 1933 die erfolgreichste Metzgereikette Kölns führte und dann von den Nazis verfolgt wurde. Manche Familienmitglieder emigrierten, manche starben in den Konzentrationslagern. „Die Familie hat meine Arbeit sehr unterstützt und darum gebeten, ein Buch daraus zu machen.“ Im Gegenzug habe er einige Stolpersteine gestiftet, die Steine vor dem Haus in der Ehrenstraße, die an das Schicksal der Familien Katz und Rosenthal erinnern, gingen auf seine Initiative zurück. Demnigs Projekt findet er „bewundernswert“, die Denkmäler in so kleiner Form hält er für eine gelungene Idee.

„Dann erst recht!“


Ge-Denkanstoß oder Stein des Anstoßes? Gunter Demnig setzt seine Idee unbeirrt in die Tat um. Foto: Karin Richert

„Das Interesse an dem Projekt ist groß“, sagt Gunter Demnig, „nicht nur bei älteren Menschen, sondern auch an Schulen.“ Finanziert werden die Stolpersteine mit Spenden und Patenschaften (siehe Webseite des Stolpersteine-Projekts). Doch ab und zu gibt es Widerstand: Manche Steine seien von Neonazis beschädigt worden, manche Hausbesitzer empfänden die Stolpersteine als „wertmindernd“ oder fürchteten Angriffe. „Für mich sind das meist vorgeschobene Argumente“, sagt der 70-jährige Künstler. Sogar einige Morddrohungen hat Demnig bereits erhalten. Angst mache ihm das nicht, trotzig sagt er: „Dann erst recht!“

Informationen

Ansprechpartnerin für Köln:
Barbara Becker-Jákli
Tel. 0221 / 221-2 65 42
E-Mail: barbara.becker-jakli@stadt-koeln.de

Auf der Webseite des Stolpersteine-Projekts können Sie Pate eines Stolpersteins werden.

In der Datenbank des NS-Dokumentationszentrums finden Interessierte alle in Köln verlegten Stolpersteine.

Tags: Geschichte

Kategorien: Leben in Köln